01 Schreibgewohnheiten

von Crawford Kilian (übers. von Thomas Roth-Berghofer)

 

[übersetzt mit Genehmigung des Autors; Originalartikel

 

Die jeweiligen Lebensumstände machen es einem Autor leichter oder schwerer, Zeit zum Schreiben zu finden. Aber eigentlich ist Zeit nicht das Problem, es sind die Gewohnheiten. Schreiben muß ebenso regelmäßig erfolgen wie das Zähneputzen. Ein Autor, der nur auf Eingebungen wartet, wird lange auf die Veröffentlichung seines Romans warten müssen. Schreibgewohnheiten entfalten sich in der Routine am Besten. Ein effizient arbeitender Schriftsteller wird natürlich auch jede Gelegenheit nutzen, Routine ist jedoch die Basis.

Routine

Nimm Dir jeden Tag etwas Zeit, in der Du ein oder zwei Stunden ungestört arbeiten kannst. Das kann gleich morgens sein, nach dem Mittag- oder Abendessen, eigentlich immer, wenn Du andere Verpflichtungen beiseite schieben kannst. Idealerweise sollte der Zeitraum täglich der gleiche sein. Deine Familie und Deine Freunde werden sich innerhalb kurzer Zeit daran gewöhnen. Mit etwas Glück schicken sie Dich gleich wieder an die Arbeit, wenn Du unerwarteterweise zu einer Zeit auftauchst, zu der Du eigentlich schreiben solltest.

Alle Schreibutensilien (Papier, Stifte, Programmhandbücher, etc.) sollten griffbereit an Deinem Platz liegen. Halte alle Ablenkungen so gut wie möglich fern. Laß keine interessanten Zeitschriften und Bücher herumliegen. Suche Dir eine Zeit zum Schreiben aus, in der normalerweise wenige Leute anrufen oder gar zu Besuch kommen. Wenn Dir eine Tasse Kaffee oder leise Hintergrundmusik eine Hilfe sind: Genieße diese Annehmlichkeiten.

Haushaltsarbeiten sind eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, wie weit Du bereits gekommen bist und wohin die weitere Handlung führen soll. Geh mit dem Hund spazieren! Sauge Staub! Diese einfachen Tätigkeiten liefern mehr Ideen, als Du vielleicht denkst. Man kann es ruhig als kontrolliertes Tagträumen bezeichnen. Laß Deinen Verstand frei schweifen: Was soll die Heldin im nächsten Kapitel tun? Wie reagiert der Held darauf, einer Autobombe entkommen zu sein? Wie erwarb der Bösewicht seine schlechten Charakterzüge? Dieser Prozeß, den Gedanken freien Lauf zu lassen, scheint nicht zu funktionieren, wenn man auf eine kahle Wand oder in die Luft starrt. Erst in Bewegung, erst bei einer automatischen Tätigkeit funktioniert dieser Mechanismus.

Stütze Dich nicht auf Kritik und Ermutigungen, besonders nicht auf Ermutigung von Personen, die Dir nahestehen. Ehegatten, Freunde und Zimmergenossen haben selten ein Gespür für die Schriftstellerei. Sie erteilen selten »objektive« Ratschläge, sondern Ratschläge, die Dich nicht kränken. Inhaltsloses, unkritisches Lob führt aber zu nichts. Unkonstruktive Kritik kann Dein gesamtes Werk zu Fall bringen.

Du solltest im Gegenteil Dein eigener Lektor sein. Nimm Dir etwas Zeit und schreibe Dir selbst Briefe, in denen Du Deine Arbeit diskutierst. Briefe, in denen Du das Gute und das weniger Gute Deines Werkes hervorhebst. Dieser Prozeß hilft Dir, Probleme zu meistern, die ansonsten zu einer Schreibblockade führen (können). Auf einem Computer könnten die Briefe ein kontinuierliches Journal sein, das Deine Reaktionen auf die Entwicklung Deines Werkes festhält. Wenn Du hin und wieder zu früheren Einträgen zurückblätterst, wird es Dir helfen, den Faden nicht zu verlieren. Umgekehrt kann Dir das Journal auch zeigen, wie weit Du vom ursprünglichen Konzept abgewichen bist.

Besonders hilfreich ist ein solcher Brief, wenn Du Zweifel an Deinem Handlungsablauf hast. Jeder Versuch, diese Bedenken zu unterdrücken, kann sich schnell rächen. Bedenken verwandeln sich langsam in Frustrationen und Verzweiflung. Schließlich verwirfst Du das ganze Projekt. Wenn Du Deine Zweifel jedoch niederschreibst – seien es Bedenken bzgl. Deines Helden, Deines Handlungsverlaufs, o. ä. – kommen die Antworten oft von selbst. Das Niederschreiben von chaotischen Gedanken in geordneten Sätzen führt meist zu schnellen und befriedigenden Lösungen.

Zusätzlich zu den Briefen solltest Du täglich Deine Fortschritte notieren. Textverarbeitungsprogramme mit einer Wortzählfunktion sind eine große Hilfe. Sie ermutigen. Ein solches Tagebuch gibt Dir dann das Gefühl, etwas geleistet zu haben, besonders bei größeren Projekten. Mit der Zeit entwickelt sich daraus auch ein Gefühl für Abgabetermine. Ein Rechenbeispiel soll das erläutern: Wenn Du 500 Worte [ca. zwei Buchseiten, Anm. des übers.] in einer Stunde zu Papier bringen kannst und Dir dafür 3 Stunden pro Woche zur Verfügung stehen, dann ist ein Roman mit 75.000 Worten [ein normaler Roman mit 300 Seiten, Anm. des übers.] in 50 Wochen fertig. Bei 10 Wochenstunden verkürzt sich die Zeit entsprechend auf 15 Wochen.

Erstelle eine Projektfibel. Eine Projektfibel ist eine Liste von Fakten, Namen usw., die als Referenzwerk dient. Hier hinein gehören auch wichtige Ergebnisse aus Recherchen (Quellenangaben nicht vergessen!). Stelle eine Liste der Charaktere (mit Beschreibungen, damit ihre Augenfarbe nicht wechselt), unüblichen Worten oder Rechtschreibungen zusammen. Das beste Format dafür ist ein kleiner Ordner mit losen Blättern in Taschenbuchgröße, den man gut mit sich nehmen kann. (Beachte: Wenn der Ordner zu dick wird, hat die Projektfibel ihren Zweck verfehlt!)

Gelegenheiten

Wenn Du nur schreiben kannst, wenn Du vor Deinem Gigabyte II Computer sitzt und Mozart aus der Stereoanlage ertönt und außerdem niemand zuhause ist, dann machst Du Dir das Leben unnötig schwer. Im Haushalt gibt es immer Leerlaufzeiten. Wenn Du außer Haus bist (oder zumindest nicht an Deinem Schreibplatz), gibt es Perioden, in denen Du nichts zu tun hast. Du sitzt vielleicht in einem Wartezimmer beim Arzt, im Bus, in einer langweiligen Besprechung. Nutze diese Zeiten konstruktiv. Trage Deine Projektfibel für Einträge immer bei Dir. Dann kannst Du immer einen groben Entwurf skizzieren. Vielleicht mußt Du ein paar neue Hintergrundfakten festhalten oder eine Idee notieren, die Deinen bisherigen Handlungsverlauf verändern oder sogar verbessern. Wenn Du dann an Deinem Schreibplatz sitzt, kannst Du diese Notizen direkt weiterverarbeiten.

Diese Ratschläge betreffen nur das allgemeine Umfeld des Schreibens. Vorher muß man natürlich erst die Stufen der Romanentwicklung verstehen, damit man seine Arbeitsgewohnheiten an diese Phasen anpassen kann.

In den folgenden Kapiteln soll deshalb ein Blick auf den Prozeß der Romanentwicklung geworfen werden. Zu jeder Phase werde ich Techniken angeben, die Effizienz dort zu steigern.

Stand: 2002-09-22