05 Der Handlungsablauf (Plot)

von Crawford Kilian (übers. von Thomas Roth-Berghofer)

Nichts geschieht zufällig

Jedes Element der Story sollte wichtig sein. Sei es wegen der Glaubwürdigkeit, des Symbolismus oder wegen des intendierten Höhepunktes. Namen, Orte, Aktionen und Ereignisse sollten alle zweckgebunden sein. Um die Wichtigkeit eines Ereignisses zu testen, stelle Dir folgende Fragen: Warum dieser Ort und kein anderer? Warum dieser Name und kein anderer? Warum diese Aktion, diese Rede und keine andere? Oder warum an dieser Stelle gerade keine? Die Antworten sollten lauten: Um den Leser von der Plausibilität der Handlung zu überzeugen. Um eine Botschaft über das Thema der Geschichte zu übermitteln. Um den Leser auf plausible und mit dem Thema zusammenhängende Weise für den Höhepunkt vorzubereiten.

Der Handlungsablauf ergibt sich aus einer Figur in einer mißlichen Situation

Eine sanftmütige Person kann ihr Ziel kaum durch einen gewaltsamen Überfall erreichen, außer wenn wir den Leser durch den einen oder anderen Hinweis auf verdeckte Aspekte ihrer Persönlichkeit auf eine solche Möglichkeit vorbereitet haben. Unter Streß ist es dann sehr wahrscheinlich, daß diese verborgenen Charakterzüge hervorbrechen können. Aber auch dieser Streß muß, bezogen auf die Umstände der Handlung, glaubwürdig erscheinen.

Jede Person hat persönliche Motive

Zuviel steht auf dem Spiel, um diese Ziele ohne ausreichenden Grund zu vernachlässigen. Wir mögen die Dringlichkeit der Ziele einer Figur nicht nachvollziehen können, aber wir sollten erkennen, warum sich die Figur so sehr bei ihrer Tätigkeit bemüht. Eine Figur, die ohne rechte Motivation handelt, ist per definitionem melodramatisch. Sie tut außergewöhnliche Dinge für den Leser, aber nur der Spannung wegen und nicht, weil es für diese Figur Sinn macht, sich so zu verhalten.

Der gesamte Plot ist eine Synthese der Handlungsabläufe der einzelnen Charaktere

Jede Figur hat ihre Motive, die durch Konflikte oder Gemeinsamkeiten mit den Motiven anderer modifiziert werden. Der Bösewicht wird nicht alles auf seine Art erreichen, ebensowenig wie der Held. Der eine vereitelt die Pläne des anderen, der wiederum unter Druck improvisieren muß. Wenn der Held Richtung Nordwesten will und der Bösewicht sich nach Nordosten wendet, bringt die Handlung sie mehr oder weniger nach Norden, zumindest solange, bis einer gegenüber dem anderen Vorteile erlangt hat.

Der Handlungsablauf geschieht lange vor der Story

Die Story selbst sollte beim letztmöglichen Zeitpunkt vor der Klimax, dem Höhepunkt, beginnen, an einem Punkt, an dem die Ereignisse einen entscheidenden und nicht mehr umkehrbaren Weg eingeschlagen haben. Später erfahren wir von den Ereignissen, die vor dem Beginn der Geschichte stattgefunden haben, durch Rückblicke, Erzählungen oder Schlüsse.

Laß alle wichtigen Elemente erahnen

Der erste Teile einer Story ist eine Prophezeiung. Im zweiten Teil erfüllt sich die Prophezeiung. Jede wichtige Figur, jeder wichtige Ort, jedes wichtige Objekt sollte früh in der Geschichte angekündigt werden. Der deus ex machina ist die falsche Lösung. Du kannst keinen Hasen aus dem Hut ziehen, um Deinen Helden zu retten. Auch kannst Du keinen schnellen Schlag landen. Dein Leser möchte sehen, was kommt. Das gilt besonders, wenn die Figur zu dumm scheint, es kommen zu sehen. Der Trick besteht nun darin, dieses Handlungselement in die Story einzubauen, ohne den Leser mit der Nase auf dessen Wichtigkeit zu stoßen. Chance und Zufall benötigen sorgfältige Vorbereitung, wenn sie den Handlungsablauf beeinflussen sollen.

Behalte immer die Art Deiner Geschichte im Hinterkopf

Jede Geschichte handelt von den Beziehungen eines Individuums zur Gemeinschaft. Eine Komödie beschreibt ein isoliertes Individuum, das seine soziale Integration dadurch erreicht, daß es in einer existierenden Gemeinschaft akzeptiert wird, oder daß es selbst eine Gemeinschaft aufbaut. Diese Integration wird oft durch eine Hochzeit oder ein Fest symbolisiert. Eine Tragödie beschreibt ein integriertes Individuum, welches isoliert wird. Der Tod ist meist ein Symbol für diese Isolation. Die Handlung sollte uns über die Natur der Story im Unklaren lassen. Auch wenn wir wissen, daß es eine Komödie ist, sollte die genaue Art des komischen Höhepunktes als Überraschung über uns kommen. Wenn wir wissen, daß der Held verdammt ist, sollte sein Fall aus einem bekannten Fakt resultieren.

Ironie untergräbt die offensichtlichen Bedeutungen

Ein gewöhnlich erstrebenswertes Ziel erscheint uns hierbei nicht mehr attraktiv. Der Held heiratet zwar, aber er wählt die falsche Frau und wendet damit seine Geschichte zu einer Tragödie. Oder der Held stirbt und steigt dadurch sozial auf. Er wird zum Märtyrer oder Retter der Gemeinschaft.

Der Held muß irgendwann die Kontrolle über die Ereignisse ergreifen

In jedem Plot ist der Held für eine gewisse Zeit passiv bzw. reagiert nur auf Ereignisse. An einem gewissen Punkt angelangt, muß er versuchen, die Geschehnisse in die Hand zu nehmen. Er muß gegensteuern, wenn die Geschichte in Fahrt kommt. In manchen Fällen kann dies zu einer Folge von Agieren und Reagieren führen. In der Eröffnung der Story hilft das Gegensteuern, den Helden zu charakterisieren und in eine Position zu bringen, die in späteren Abschnitten der Story zu ernsteren Konflikten führt und ein Gegensteuern erlaubt. Du kannst in jeder Szene eine für den Helden problematische Situation beschreiben. Seine Antwort darauf muß dann das Gegensteuern sein. Im Rahmen der Gesamthandlung gesehen, kommt das Gegensteuern jeweils nach dem Scheitern eines seiner Pläne. Er hat nun etwas gelernt und wird dies im weiteren Verlauf der Handlung anwenden.

Der Plot dramatisiert die Figur

Wenn alle Geschichten aus der Suche nach Identität der Figuren bestehen, dann ist der Plot gewissermaßen die Straßenkarte dieser Suche. Jedes Ereignis, jede Antwort sollte einen Aspekt der Identität einer Figur freilegen. Handlungselemente dramatisieren die Identität einer Figur durch Gelegenheiten zu Mut oder Feigheit, Dummheit oder Intelligenz, Großmut oder Bosheit. Diese Gelegenheiten kommen in der Form von außergewöhnlichem Streß, der zu der entsprechenden Handlung paßt. Ein Handlungselement, das nur für sich selbst steht (ein Faustkampf, eine Bettszene, eine omi-nöse Warnung) ist eine unnötige Last für die Story, wenn es die Figuren nicht weiter beleuchtet. Umgekehrt wird der Leser keinen Charakterzug plausibel finden, wenn er nicht durch die Handlung dramatisiert wird.

Stand: 2002-09-22