08 Symbolismus und Schreiben

von Crawford Kilian (übers. von Stefanie Pappon)

Möglicherweise hast Du Deine Deutschkurse nur deshalb in unangenehmer Erinnerung behalten, weil Literatur »zu tode« analysiert wurde. Tatsächlich kann die symbolische Interpretation eines Gedichtes oder einer Erzählung sehr weit hergeholt anmuten.
Wenn Du aber selbst zu schreiben beginnst, wirst Du auch auf einer gewissen symbolischen Ebene schreiben. Selbst, wenn Du Dir dessen nicht bewußt bist, ist diese Ebene vorhanden. Sie spiegelt sich in Deinen Akteuren, ihren Aktionen, der Szenerie und in Deiner Bildersprache wieder. Tatsächlich gibt es unter den Schriftsteller/innen begnadete Symbolisten, die aber diesen Umstand nicht einmal wahrnehmen. (Deshalb sind Autoren oft schlechte Kritiker, wenn es um ihre eigene Arbeit geht.)
Du kannst argumentieren, daß Deine schriftstellerische Tätigkeit aus Deinem persönlichen Bedürfnis zu Schreiben und Deiner Lebenserfahrung erwächst und überhaupt nichts mit »Literatur« zu tun hat.
Gut! Ohne Zweifel integrierst Du Elemente Deines Lebens, aber ob Du es willst oder nicht,Du wirst diese Erfahrungen wie einen Lebkuchenteig behandeln. Entweder machst Du einen Lebkuchenmann daraus oder Du hast nur einen formlosen Teigklumpen in der Hand.

Was Du schreibst, kommentiert in Wahrheit alles, was Du in Deinem Leben bisher gelesen hast. Wenn Dich romantische Erzählungen faszinieren, und Du schreibst eine Story über Dein eigenes leidenschaftliches Liebesleben, das sich natürlich von den übliche Romanzen völlig unterscheidet, ist Deine Geschichte immer noch ein Kommentar dessen, was Du gelesen hast.

Dieser Kurs ist jedoch kein Forum für endlose Diskussionen über die theoretischen Grundlagen der Erzählung. Trotzdem solltest Du Dir Grundkennisse dieser Theorie aneigenen. Zu diesem Zweck solltest Du »Anatomy of Criticism« von Northrop Frye lesen. Einige Passagen werden schwer verdaulich sein. Aber diese Lektüre wird Dir helfen, Deine eigene Arbeit genauer unter die Lupe zu nehmen und Dir helfen, ein Gefühl für Struktur und Symbole zu entwickeln.

Nach Frye, und das ist ein grober Abriß seiner Aussagen, ist jede Geschichte eine Suche nach Identität. Diese Identität ist größtenteils von der Position des Protagonisten (oder der Nichtbesetzung dieser Position) in der Gesellschaft abhängig.

Eine tragische Geschichte zeigt eine Person, die von einer sozial integrierten Position (Hamlet, der Prinz von Dänemark; Ödipus, der König von Theben) in eine sozial isolierte Position gerät (ein toter Prinz, ein blinder Bettler).

Eine komische Geschichte zeigt eine Person, die sich von einer sozial isolierten Position (symbolisiert durch Armut, Mangel an Anerkennung, Einsamkeit) in eine sozial intergrierte Position (Reichtum, Anerkennung, und Heirat der/s Geliebten) aufsteigt.

Die westliche Erzähltradition

Die westliche Erzähltradition fußt auf zwei Ursprüngen, der antiken, griechischen Literatur und der jüdisch-christlichen Bibel. Eines der Hauptthemen beider Quellen ist die Bewahrung oder Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung und dem Helden als Retter oder sozialen Erlöser.

Hamlets Ziel ist es, Dänemark von der widerrechtlichen Machtergreifung seines Onkels zu befreien. Ödipus will Theben vor dem Fluch bewahren,den er selbst unabsichtlich aussprach.

Genauso verfährt der Detektiv, der die Ordnung der Gesellschaft wiederherstellt, indem er denjenigen findet, der schuldig ist und somit auch den Unschuldigen.

Der Revolverheld riskiert sein Leben, um die ehrlichen Siedler zu schützen; der mutierte Telepath begibt sich in Gefahr, um andere mutierte Telepathen zu finden.

Diese Mechanismen lassen sich jedoch »pervertieren«. Der Detektiv findet heraus, daß alle schuldig sind. Der Revolverheld wird von hinterhältigen Landspekulanten bezahlt. Der Mutant entdeckt, daß er steril ist und seine Gabe nicht weitervererben kann.

Am Ende von »1984« ist Winston Smith wieder glücklich in die Gesellschaft integriert, aber wir freuen uns nicht mit ihm.

Die Art, wie Du Symbole benutzt, kann sie also auch hohl klingen lassen oder die ihnen zugewiesene Bedeutung verändern.

Laß uns nun einen Blick auf allgemein bekannte Symbole und Muster werfen und die Möglichkeiten beleuchten, wie sie Deiner Geschichte Leben einhauchen können.

Bekannte Symbole

  • Der Tag und die Nacht.

  • Der Frühling und der Winter.

  • Die Jugend und das Alter.

Hier könnte man folgendes interpretieren:

  • Licht = Gut
    Dunkelheit = Böse

  • Frühling = Hoffung
    Winter = Verzweiflung

  • Mädchen = Unschuld
    Altes Weib = Bösartigkeit

Northrop Frye glaubt, daß wir das Bild des Frühlings mit der Komödie, den Sommer mit der Romanze, den Herbst mit der Tragödie und den Winter mit der Satire und Ironie assoziieren.

Zu bemerken wäre, daß hier mit »Komödie« eine Geschichte um die soziale Reintegration gemeint ist, eine »Tragödie« eine Geschichte der sozialen Isolation erzählt und die »Roman-ze« von Personen berichtet, die größer als das Leben selbst sind und Wunder erleben, die es im normalen Leben nicht gibt.

Behalte im Hinterkopf, daß Du nur Bilder brauchst, die mit diesen Kreisläufen zusammenhängen: Am Ende von »1984« erfrieren die Kro-kusse, die Hoffnung und Erneuerung versprachen durch einen kalten April-wind. Genauso können Herbstblätter eine alternde Person, eine morbide Gesellschaft oder das herannahende Böse symbolisieren.

Die Reise

  • Natur contra Mensch

  • Wüste contra Garten

  • Düsterer Wald contra Parklandschaft

  • Land contra Stadt

In der westlichen Literatur ist die Entwicklung von der Unwissenheit zur Erkenntnis oft durch eine Reise des Protagonisten von einer idyllischen, der Natur nahen Umgebung zu einer urbanen, naturfeindlichen Welt symbolisiert.

(In der Sprache der Bibel ist das die Reise von Eden durch die Wüste der gefallenen Welt zur Herrlichkeit Gottes).

Die Rückkehr zur Natur ist manchmal erfolgreich, manchmal gelingt es dem Helden die urbane Welt und die Natur miteinander in Einklang zu bringen. In anderen Fällen gelangt ein urbaner Held durch den Kontakt mit der Natur zur Erkenntnis.

Anatomie eines suchenden Helden

  • Geheimnisumwitterte oder ungewöhnliche Geburt

  • Prophezeihung, daß er die bestehende Ordnung umstürzen wird, eine vergessene Ordnung wieder aufrichtet

  • Glückliche, behütete Kindheit unter bescheidenen Leuten in ländlicher Umgebung

  • Anzeichen für die ungewöhnlichen Eigenschaften des Helden

  • Reise/Suche: eine Serie von Abenteuern und schweren Prüfungen, die die Befähigung des Helden testen, in eine entscheidende Konfrontation mündend

  • Tod; real oder symbolisch

  • Wiedergeburt

  • Anerkennung als Retter/König, Bildung einer neuen Gesellschaft

(Anmerkung der Redaktion: Geradezu klassisch wird diese »Anatomie« in Susan Dexters »Allaire-Zyklus« durchgespielt.)

Symbolische Bilder

Die Deutung eines Symbols ins Negative oder Positive beruht auf seinem Kontext. Es bleibt dem Fingerspitzengefühl des Autors überlassen, aus dem Kontext heraus einen spezifischen, auf den Text bezogenen Symbolismus zu entwickeln.

Um dies an einem Beispiel zu zeigen:

Der Baum ist gewöhnlich ein Symbol für das Leben. Aber, wenn dieser Baum Schauplatz von Lynchjustiz wird oder aus seinem Holz ein Kreuz oder ein Galgen gemacht wird, verkehrt sich die ursprünglich positive Bedeutung ins Gegenteil.

Einige Symbolismen und ihre allgemeingültigen Bedeutungen möchte ich hier nennen:

Der Garten:

...steht für geordnete Natur, die menschlichen Bedürfnissen dient (»Paradies« ist ein persisches Wort für Garten).

Die Wildnis:

...steht für Natur, die menschlichen Bedürfnissen feindlich gegenübersteht.

Der Fluß:

...steht für das Leben. Weil Flüsse im Meer enden, wird hier auch häufig der Fluß als Lebenssymbol gesehen, das im Tod (Meer) seinen Abschluß findet.

Das Meer:

...steht für das Chaos, Tod, aber auch für die Quelle des Lebens.

Die Blume:

...steht für Jugend, Sexualität (rote Blumen symbolisieren den Tod junger Männer).

Tiere auf der Weide:

...stehen für eine geordnete menschliche Gesellschaft.

Raubtiere:

...stehen für das Böse, Bedrohung der menschlichen Ordnung.

Das Feuer:

...steht für das Licht, das Leben, aber auch für die Hölle, sexuelle und mater-ielle Begierde.

Der Himmel:

...steht für das Himmelreich, Schicksal oder Notwendigkeit.

Die Brücke:

...steht als ein Bindeglied zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod. 

Symbolische Charaktertypen

Verschiedene Typen von Charakteren tauchen so häufig auf, daß sie mittlerweile ihre eigenen Typnamen tragen. Hier werden die genannt, die am häufigsten anzutreffen sind:

Eiron:

Jemand, der sich gering schätzt und geringer scheint, als er wirklich ist. (z.B.: Odysseus, Frodo, Huck Finn). Das Wort »Ironie« leitet sich vonEiron ab.

Alazon:

Ein Betrüger, jemand, der prahlt und sich als mehr darstellt, als er wirklich ist. Untertypen sind etwa der prahlerische Soldat (General Buck Turgidson in »Dr. Strangelove«) und der verrückte Philosoph und Wissenschafter Saru-man (»Dr. Strangelove«).

In meiner Erzählung »Tsunami« habe ich meinen Bösewicht Allison genannt. Obwohl seine Karierre als Direktor eines Kinos beginnt, endet er als Prahlhans.

Der verschlagene Sklave:

Helfer des Helden (Jim in »Huckleberry Finn«, Gollum in »Lord Of The Rings«)

Der hilfsbereite Riese:

Helfer des Helden, in Einklang mit der Natur (Ents in »Lord Of The Rings«, Chewbacca in Star Wars)

Der weise, alte Mann:

Helfer des Helden, Wissensträger (Gandalf, Obi-Wan Kenobi)

Der Possenreißer:

sorgt für eine fröhliche Stimmung, löst die Spannung (Sam Gamgee, Mer-cutio)

Der Flegel:

Ungehobelter Kerl, Spielverderber oder Bauerntölpel (Uriah Heep)

Das schöne Mädchen:

Symbol für Reinheit und Erlösung (Rowena aus »Ivanhoe«) oder für unterdrückte Sexualität (jede Menge Revue-tänzerinnen)

Die dunkelhaarige Frau:

Symbol für Begierde und Versuchung (oder tierische Sexualität)

Der Doppelgänger:

steht für die dunkle charakterliche Seite des Helden (Geds Schatten in »Der Magier der Erdsee«)

Da diese Symbolismen sehr viel älter als unsere heutigen Moralvorstellungen sind, können mit ihrer Verwendung Probleme verbunden sein. Leser könnten sie als eine Bejahung alter, unterdrückerischer Werte interpretieren.

Wie auch immer, ironischerweise verwenden viele moderne Autoren genau diese Symbolismen nicht um sie zu billigen, sondern um die ihnen innewohnenden Werte zu kritisieren.

Sei Dir im Klaren darüber, daß Du, wenn Deine Heldinnen immer blonde Jungfrauen und Deine Bösewichte immer dunkelhaarig und verführerisch sind, unterschwellig eine Nachricht transportierst, die Du vielleicht nicht beabsichtigst.

Denke aber genauso daran, daß es Dir völlig freigestellt ist, Dein eigenes symbolisches System zu entwickeln. Wie der »Rosebud«-Schlitten in »Citizen Kane« Kanes Verlust seiner kindlichen Unschuld symbolisiert, so steht es Dir frei, aus einem Hutständer, einem Baseballhandschuh oder einem alten Busfahrplan ein Symbol zu machen.

Es liegt ebenfalls nur bei Dir, Deinen Lesern die Bedeutung Deiner Symbole verständlich zu machen oder sie zu einem Teil Deiner geheimen Mytho-logie zu erheben. Wenn Du einen Baseballhandschuh mit dem Tod des Vaters Deines Helden assoziierst, wird der Leser irgenwie verstehen, was Du meinst. Wenn der Baseballhandschuh für Deinen Helden wichtig erscheint, aber Du uns nicht sagst wieso, können wir nur Vermutungen über die symbolische Bedeutung des Handschuhs anstellen.

Versuche nicht symbolisch zu sein oder zu schreiben. Aber, wenn bestimmte Bilder, Gegenstände oder Ereignisse in Deiner Erzählung wiederkehren und diesbezüglich Dein Denken beherrschen, schreibe Dir selbst einen Brief über diese Dinge. Beurteile selbst, ob sie tatsächlich eine symbolische Bedeutung transportieren und entscheide dann, ob sie tatsächlich das Potential besitzen die Intention Deiner Erzählung hervorzuheben.

Stand: 2002-09-22