09 Erzählperspektiven

von Crawford Kilian (übers. von Thomas Roth-Berghofer)
In Deinem Roman muß uns jemand erzählen, daß Jeff seine Pistole herausgeholt hat, daß Samantha den großen Fremden anlächelt oder daß das Tageslicht gerade über das Tal hereinbricht. Dies ist die Aufgabe des Erzählers.
Die Figur des Erzählers kann den Verlauf der Geschichte unterstützen oder hemmen. Von der Art und der Stimmung der Erzählung hängt es ab, welche Art von Erzähler Du verwenden solltest.
Die Figur des Erzählers entwickelt sich aus der Persönlichkeit und den Neigungen, die durch die Wahl der Worte und Geschehnisse, welche wiederum von der Erzählperspektive abhängen, ausgedrückt werden.

 

Erzählperspektive: Erste Person (Ich-Perspektive)

Dieser Blickwinkel ist normalerweise subjektiv. Wir erfahren von den Gedanken, Gefühlen und Reaktionen des Erzählers auf Ereignisse. In der objektiven Variante berichtet uns der Erzähler ohne jeden Kommentar, was andere Personen sagen und tun.

Weitere Arten der Ich-Perspektive:

 

  • der beobachtende Erzähler außerhalb der Haupthandlung (z. B. Mr. Lockwood in "Wuthering Heights" oder Nick Garraway in "The Great Gatsby")
  • die "unbeteiligte" Autobiographie, in der der Erzähler auf lange zurückliegende Ereignisse blickt
  • mehrere Erzähler (aus der Sicht verschiedener Figuren)
  • innerer Monolog, in dem der Erzähler die Geschichte als Erinnerung wiedergibt (ein Strom von Gedanken ist eine extreme Form)
  • dramatischer Monolog: der Erzähler schildert jemandem seine Erlebnisse ohne größere Unterbrechung
  • Briefe oder ein Tagebuch, in dem jedes Geschehnis niedergeschrieben wird, sobald es passiert.

 

In der Ich-Perspektive sind die Fragen zum Erzähler einfach zu beantworten: Der Erzähler hat genau die Charakterzüge, die durch die Wahl seiner Worte und die Art und Weise, wie er Ereignisse beschreibt, zum Ausdruck kommen.

 

 

 

 

Erzählperspektive: Zweite Person

Diese Erzählweise ist sehr selten: "Du hast an der Tür geklopft. Du warst hineingegangen." Wenige Autoren halten dies Art des Schreibens für notwendig und noch weniger Autoren können damit umgehen.

 

 


ERZÄHLPERSPEKTIVE: DRITTE PERSON
In dieser Erzählperspektive hängt die Persönlichkeit des Erzählers von der jeweiligen Figur ab, durch dessen Augen wir gerade die Geschichte erleben. Du kannst in die Gedanken der Figur eindringen und uns erzählen, was diese Person gerade denkt und fühlt. Du kannst aber auch äußere Geschehnisse schildern, und zwar in den Worten, die diese Figur normalerweise benutzt. Leser bevorzugen diese Perspektive im Allgemeinen, da sie hier wissen, in wen sie "investieren" sollen oder mit wem sie sich identifizieren wollen. In der objektiven Erzählperspektive der dritten Person haben wir keinen Zugang zu den Gedanken und Gefühlen der Figuren. Der Autor beschreibt hier nur, was die Figur sagt und tut, ohne Emotion oder Kommentar. Der Autor existiert hier fast nicht. Leser können hier unsicher sein, um wessen Schicksal sie sich sorgen. Genau darin liegt aber auch der Reiz dieser Perspektive. Es lädt den Leser dazu ein, die fehlenden Gefühle zu liefern.
Diese Erzählperspektive verwenden die isländischen Sagen, die nicht nur Ernest Hemingway sondern auch eine ganze Generation der sog. "hartgesottener" Schriftsteller inspirierte.

Der allwissende Erzähler kann verschieden auftreten.

"Auf Szenen begrenzt"

Egal, durch wessen Augen wir eine bestimmte Szene sehen, er bestimmt die Charakterzüge des Erzählers. Ein Erzbischof sieht und beschreibt Ereignisse sicherlich anders als ein Taschendieb. Also hat der Erzähler auch eine andere Persönlichkeit als ein Taschendieb: ein anderes Vokabular, andere Wertvorstellungen, andere Prioritäten. Grundsätzlich sollte während einer Szene kein Wechsel der Erzählperspektive erfolgen. Wenn also der Erzbischof der Erzähler ist und der Taschendieb ebenfalls in dieser Szene vorkommt, sollte nicht plötzlich zum Blickwinkel des Taschendiebs übergegangen werden. Dies kann frühestens in der nächsten Szene geschehen.

"Gelegentlich unterbrechend"

Der Autor greift von Zeit zu Zeit ein und gibt zusätzliche Informationen preis, bleibt ansonsten aber im Hintergrund. Der Dialog, die Gedanken und das Verhalten der Figuren liefern dem Leser die übrigen Informationen.

"Kommentierend"

Hier hat der Erzähler eine bestimmte Haltung zu den Figuren und Ereignissen. Er kommentiert sie häufig. Der kommentierende Erzähler kann eine Figur der Geschichte sein - oft mit Namen versehen - ist aber ansonsten nicht in die Hauptereignisse verstrickt. Manchmal berichtet der Erzähler etwas, das er selbst von jemanden gehört hat. Dieser Erzähler ist nicht unbedingt glaubwürdig. Er kann uns bewußt belügen oder die wahre Bedeutung von Ereignissen selbst mißverstehen.

Der allwissende Erzähler in der dritten Person gibt Dir die größten Freiheiten in der Entwicklung der Story. Diese Erzählweise eignet sich besonders gut in komplexen Geschichten, in denen mehrere Pespektiven verwendet werden müssen. Sie kann dem Leser aber auch Probleme bereiten, sich mit einer Figur zu identifizieren. Wenn Du vorhast, von einer Perspektive in eine andere zu wechseln, dann tue dies gleich von Anfang an in Deiner Geschichte und bevor der Leser sich mit der ersten Erzählperspektive allzu sehr identifizieren kann.

Vorsicht: Falle!

Der Erzähler kann den Leser in seinen Reaktionen beeinflussen, indem er ihm die Figuren näherbringt oder Distanz zu diesen Figuren schafft. Drei Fehler können bei unvorsichtigem Gebrauch des Erzählers auftreten:

1. Sentimentalität

Der Erzähler versucht auf rhetorische Weise Gefühle im Leser wachzurufen, die durch die Geschehnisse der Erzählung nicht erzeugt werden. Dies gleicht Cheerleadern, die versuchen, Applaus für ein Team zu gewinnen, das keinen Applaus verdient hat. Dies ist vor allem für den kommentierenden Erzähler problematisch.

2. Manieriertheit

Der Erzähler erscheint wichtiger als die Erzählung. Der Autor erinnert immer wieder an seine Anwesenheit mittels stilistischer Phrasen, besondere Schreibweisen oder direktes Kommentieren von Figuren und Geschehnissen der Geschichte - ebenfalls ein Problem für den kommentierenden Erzähler. Dies gilt natürlich nicht, wenn ein Ich-Erzähler mit solchen Charakterzügen ausgestattet wurde. Dieser Erzähler ist dann nur ein egozentrisches Individuum, das sich gerne in den Vordergrund spielt.

3. Kälte

Ausgesuchte Objektivität trivialisiert die Ereignisse in der Geschichte. Sie verniedlicht die Probleme der Figuren. Dies ist ein besonderes Problem der Erzählungen in objektiver Erzählweise, seien sie in der Ich-Perspektive oder der dritten Person geschrieben.

Die Erzählzeit

Auch die Zeitform der Verben hat einen großen Effekt auf den Erzählstil. Die meisten Erzählungen sind in der Vergangenheitsform geschrieben: "Ich klopfte an die Tür. Sie zog ihre Waffe." Dies funktioniert meist einwandfrei, nur Rückblicke sind etwas unangenehm: "Ich hatte an die Tür geklopft. Sie hatte ihre Waffe gezogen."

Achte darauf, in der gleichen Zeitform zu bleiben, außer natürlich, Dein Erzähler wechselt sie: "So ging ich zu meiner Bewährungshelferin, und sie sagt mir, ich könne nicht mehr mit meinen alten Kumpeln ´rumhängen."

Manche Schriftsteller erreichen eine Art von Aktualität durch die Verwendung des Präsens: "Ich klopfe an der Tür. Sie zieht ihre Waffe." Wir haben nicht das Gefühl, es gäbe irgend jemanden, der das Ergebnis der Geschehnisse kennt, da sie genau dann geschehen, wenn wir sie lesen, in Realzeit. Manche Autoren empfinden die Verwendung der Gegenwartsform als künstlerisch und experimentell. Die meisten Leser jedoch mögen das Präsens nicht. Aus diesem Grund sind Lektoren auch selten bereit, dem Autor die Benutzung dieser Zeitform zu gestatten. Ich habe dies auf schmerzhafte Weise lernen müssen. In meinem ersten Roman, "The Empire of Time", hatte ich das Präsens verwendet und das Manuskript weilte monatelang im Reich der Lektoren. Das letzte Veröffentlichungsangebot kam dann auch nur unter der Bedingung zustande, daß ich zum Imperfekt wechselte. Rate mal, wie lange ich mir über diese "künstlerische Entscheidung" den Kopf zermartert habe!

Stand: 2002-09-22