Bin ich zu jung zum Schreiben und Veröffentlichen?

(diesmal gibt es eine ähnliche Frage von zwei jungen Autorinnen)

1. Gerade schreibe ich an einem Fantasy-Roman. [...] Ich bin erst 14 Jahre alt, und vor allem meine Familie findet es schrecklich, wenn ich so gruslige Sachen schreibe. Ich habe ihnen erklärt, dass es nur eine Geschichte ist, die die Leute unterhalten soll. Sie verstanden es, trotzdem bin ich sehr verunsichert, weil ich eigentlich als braves kleines Mädchen gesehen werde und das auch so bleiben soll. Was soll ich tun, wo ich doch schon so viel Arbeit in meine Geschichte gesteckt habe? Soll ich lieber eine andere "harmlose" Geschichte anfangen, oder weiter schreiben?

2. Ich bin erst 12. (Jung also.) Ich arbeite gerade an meinem Buch und bin schon ziemlich weit. Es ist meine eigene reine Fantasy, und ich würde gerne wissen, ob ich zu jung bin.

Ich habe Angst, dass wenn ich mein Buch zu einem Verlag schicke, eine Absage kommt, und zwar weil ich zu jung bin. Ich glaube, da wäre ich ziemlich geschockt. Ich habe mehrere Bücher schon geschrieben. Nie eines abgesendet, weil ich Angst habe, dass es abgelehnt wird. Ist es denn richtig, dass viele Verlage nur ältere Leute aussuchen, oder habe ich auch Chancen?

Zunächst einmal: Ich finde es toll, wenn du einen Roman schreibst! Lass dir bloß nicht erzählen, du seist zu jung (oder zu alt oder zu dick oder zu dünn) dazu! Es gibt schlichtweg kein "richtiges" Alter, um mit dem Schreiben anzufangen. Wie bei jeder Kunst.

Mit dem Veröffentlichen ist das anders. Wenn du ein Manuskript verkaufst, musst du geschäftsfähig sein (d. h. mindestens 18 Jahre), oder deine Eltern müssen für dich den Vertrag eingehen. Da sind Verlage sehr vorsichtig. Aber wozu gleich an das Verkaufen denken? Lass dir unbedingt Zeit, zu lernen und zu schreiben!

Das Verlagsgeschäft ist ziemlich gnadenlos. Es wird knallhart darauf geschaut, ob ein Manuskript (zum Buch wird’s erst im Verlag!) verkaufbar ist oder nicht. Und was es einbringen könnte. Alles, was nicht verkaufbar ist (Idee schon zu oft verwendet, Stil nicht angenehm, Figuren zu flach, Plot uninteressant oder klischeehaft, kein Marktsegment vorhanden) oder zu viel Nachbessern erfordert, wird aussortiert – völlig egal, ob es von Teenagern oder Erwachsenen geschrieben wurde. Verlage stellen eine Ware her und kaufen das Rohmaterial von Autoren ein, wenn es in ihr Verlagsprogramm passt und gut genug ist.

Ich schlage vor, dass du deine Texte erst einmal in einer Gruppe testest, in der alle handwerklich am Schreiben orientiert sind. Am besten eine Gruppe oder Gleichgesinnte, die auch Fantasy / Horror schreiben. Das findest du im Internet. Gebt euch gegenseitig Texte und Kritik (sowohl positiv, was gefallen hat und warum, als auch negativ, was nicht gefallen hat und warum nicht). Geht erst an die Öffentlichkeit, wenn ihr sicher seid, verkaufen und euch auf dem Markt behaupten zu wollen. Ganz ehrlich: Wenn ihr eure Geschichten nicht mal vor Eltern, Freunden und Bekannten hinstellen könnt (nicht rechtfertigen, sondern als selbstverständliche Leseprobe), wie wollt ihr dann auf einem rein kommerziellen Markt überleben? Dort gibt es keine Schutzzonen; und es wird verdammt schmerzen, dauernd Texte abgelehnt zu bekommen, manchmal gar nichts mehr davon zu hören, ohne dass man weiß, warum.

Es gibt unter den Romanen von Jungautoren/innen gute und schlechte Beispiele. Zuletzt habe ich gelesen: Flavia Bujor "Das Orakel von Oonagh", 2007. Sie ist gerade 13 gewesen, als sie das Buch schrieb. Ich finde die veröffentlichte Endfassung (andere kenne ich nicht) sehr plakativ, die Dialoge flach und die Motivationen der Figuren, etwas zu tun (wie einen Ausritt zu unternehmen), nicht nachvollziehbar. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine prima Idee hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Meiner Meinung nach hätte man der Autorin mehr Zeit gönnen müssen, sich selbst und die Idee auszutesten, zu experimentieren und zu lernen. Dieses Buch zeigt aber auch, dass Bujor mit viel Elan und Leidenschaft schreibt. Ich bin gespannt auf jene Bücher, die sie in fünf, sechs Jahren schreiben wird. Leider sind nicht viele Leser so neugierig. Heißt: Wenn ein Leser erst einmal ein „schlechtes“ Buch von einer Autorin erwischt hat, kann es sein, dass er den Namen künftig meidet, also nichts mehr von dieser Autorin lesen will.

Lies viel! Querbeet und viel Fantasy! Und zwar nicht nur zum Vergnügen. Schau dir an, wie unterschiedliche Autoren eine Schlacht beschreiben, wie sie Figuren miteinander reden lassen, wie Welten aufgebaut und eingerissen werden, wie Götter und Magier handeln, wie was horrormäßig wirkt und anderes nur lächerlich, wie Gefühle aufgebaut werden und Ängste beschrieben, was sich lebendig, was sich spannend liest, wie die Sprache klingt ... Arbeite damit! Schreib z. B. einen Ausschnitt von Dialogen oder Schlachtenbeschreibung ab, schreib um, versuche, die Art, wie jemand das geschrieben hat, auf deine Geschichte anzuwenden, schreibe absichtlich ähnlich und absichtlich ganz anders.

Dasselbe, was ich oben zum Schreiben generell sagte, gilt auch für das Genre: Es gibt kein „richtiges“ Alter für Fantasy oder Horror oder Kreuzungen davon. Wenn es deiner Umgebung nicht gefällt, was du schreibst, dann gibt es drei Möglichkeiten: 1. Du erzählst nicht mehr davon und schreibst im Geheimen, 2. du verlangst von den anderen, dass sie es akzeptieren, 3. du stellst ein, das zu schreiben, was dir Spaß macht, und schreibst andere Storys – wobei 3. eindeutig die schlechteste Möglichkeit ist.

Frage dich, was DU willst und warum dir wichtig ist, was die anderen davon halten! Solange du in deinem Verhalten keine Züge deiner (Horror-)Figuren annimmst, solange du privat weiterhin „das liebe Mädchen“ (pfui, wie langweilig! ;-)) bist, gibt es gar keinen Grund, warum die anderen etwas dagegen haben müssten, dass du Horror schreibst. Im Gegenteil: Man kann (wie bei den Kindern mit Märchen) wunderbar üben, seine eigenen Ängste auszuhalten und zu bekämpfen.

Du hast Angst vor Spinnen? Wunderbar – schreib eine Story, in der deine Heldin / dein Held in eine Spinnengrube muss (denk an Indiana Jones mit seiner Schlangen-Phobie). Um eine Spinne gut zu beschreiben, wirst du dir Spinnenbilder/-bücher ansehen oder sogar mal eine auf die Hand nehmen müssen. Du fürchtest dich vor großen Höhen? Klasse – jag deine Heldin auf einen Turm, in ein Flugzeug, lass sie auf Drachen reiten oder einen Felspfad über einen Bergpass erklimmen müssen. Um ihre Angst beschreiben zu können, wirst du vielleicht am besten mit einer Freundin zur Unterstützung, die weiß, worum es geht, ein Hochhaus besuchen und durch seine Glasfronten auf die Welt darunter schauen müssen. – Was bekämpft besser die Angst, als sie durch Aktion zu überwinden?

Nochmals: Es gibt kein „falsches“ oder „richtiges“ Alter zum Schreiben!

beantwortet von: Stefanie Bense (14-5)