Wie kann ich einen Bösen als Hauptfigur vorstellen und trotzdem Lust zum Weiterlesen erzeugen?

Ich habe ein ähnliches Problem wie die Schreiberin, die den Tod zu einem Charakter machen will, und hoffe, du hast vielleicht eine Idee für mich.

Ich schreibe an einer Fantasy-Trilogie, bei der der Held ein Böser ist, der sich im Laufe der Handlung zum Guten wandelt. Das Spannende daran soll sein, dass er am Anfang gleich vom Leser als typischer Bösewicht wahrgenommen und in die entsprechende Schublade gepackt wird, dass er dann aber in verschiedene Abenteuer verwickelt wird, die ihn sympathisch machen, und erst später, als man es schon hofft, aber eigentlich für unmöglich hält, auf die Seite der Guten wechselt. [...]

Das Problem bei dieser Konstellation ist der Anfang. Wie kann ich diesen Helden einführen, ohne dass meine gedachten Leser das Buch gleich wieder zuklappen? Wenn der Held als ein Böser rüberkommen soll, muss er sich ja wie ein Ar... betragen, und es ist schwer, einen Leser trotzdem bei der Stange zu halten. Ich habe ihm ein paar interessante Eigenschaften und ein Geheimnis gegeben, das hilft aber natürlich nicht viel. Warum er böse handelt, darf ich nicht am Anfang erklären, sonst zerstöre ich die Spannung [...].

Also habe ich mich mit dem Trick beholfen, dass ich im ersten Kapitel gar nicht den Helden, sondern seinen "guten" Gegenspieler einführe. Der ist aber vom Charakter nicht so spannend wie der Held selber, und ich habe auch das Gefühl, dass man sich irregeleitet fühlen könnte, wenn man dann merkt, dass der nur eine Nebenperson ist. Als zweiten Versuch habe ich ihm einen netten Freund an die Seite gestellt. Hatte aber das Gefühl, das hilft auch nicht viel. Ist ja auch nur eine Nebenperson. Nächste Idee: Ich schreibe eine Vorgeschichte, die ihn als ein sympathisches Kind in einer Konfliktsituation beschreibt, also lange bevor er diesen Bösen beigetreten ist, und damit auch eine Episode, die für die eigentliche Handlung interessant, aber nicht zwingend wichtig ist. Aber wenn ich ihn da als einen Guten zeige, verrate ich doch schon zu viel von meiner Intention, was ich eigentlich nicht will.

Wie kann ich das sonst machen? Einen Bösen vorstellen und trotzdem Lust zum Weiterlesen erzeugen? Ich wäre dankbar für eine gute Idee!

Mich freut, dass du dir schon einige Gedanken gemacht und Lösungswege gesucht hast. Und du bist meiner Meinung nach auch schon weit gekommen.

Zunächst:
Bitte unterscheide zwischen Antagonist und Bösem. Ist der Protagonist der Böse? Dann ist es konsequent, alles aus seiner Sicht zu zeigen. Er mag zwar „böse“ sein, aber er wird für sich und seine Welt gute Gründe haben, warum er sich für die unmoralische Seite entschieden hat, z. B. Rettung der Welt durch jedes erdenkliche und unerdenkliche Mittel. Für ihn ist das alles logisch, einsehbar und vertretbar. Es muss halt so sein.

Ein Antagonist ist nur jemand, der dem Protagonisten Steine in den Weg legt, gegen ihn kämpft usw. Er muss nicht unbedingt böse sein. Bosheit ist eine moralische Kategorie. In deinem Roman könnte der Antagonist also einer von den „Guten“ sein.

Deiner Schilderung entnehme ich, dass der Storybogen die Entwicklung des Protagonisten vom bösen, unmoralischen Charakter über Zweifel und Hindernisse bis hin zum guten, moralischen Charakter nachzeichnet. Damit hast du eigentlich auch schon deine Antwort: Dein Protagonist ist der Böse mit kleinen guten „Schwächen“. Sozusagen die Negativschablone des üblicherweise „guten“ Helden mit unmoralischen Schwächen.

Um deinen Protagonisten einzuführen, kannst du ihn ruhig „böse“ zeigen, solange er seine guten Gründe hat, also z. B. in einer Kontrasthandlung etwas Gutes zeigt. Konkret: Er sperrt eine gute Heldin ein und übergibt sie dem Folterer, um Informationen zu bekommen, wie die Welt zu retten ist; gleichzeitig rettet er eine Katze vor den Hufen der Reittiere. Man versteht als Leser anfangs seine Gründe und Motive noch nicht, aber das kann auch neugierig machen. Ein Beispiel aus dem Nicht-Fantasy-Genre Thriller: Dexter, Serienkiller und Forensiker bei der Polizei (z. B. "Die schöne Kunst des Mordens" von Jeff Lindsay). Er tötet mit Vergnügen und Präzision andere Killer, die der Polizei zu entwischen drohen. Eine ambivalente Figur, aber man entwickelt Sympathie für ihn, weil er sich an strikte Regeln hält und sich in seiner Mordlust sehr zügelt. Und weil er die ganz ganz Schlimmen bestraft, wo Gesetz, Justiz und Polizei versagen.

Natürlich kannst du mit dem Gegenspieler, dem Antagonisten deines „bösen Helden“, beginnen, aber du hast zu Recht Bedenken, denn die erste Figur, die einem Leser begegnet, hinterlässt üblicherweise einen starken Eindruck. Wenn du jedoch die Szene mit dem Antagonisten kurz hältst und länger bei dem Protagonisten verweilst, dann kannst du über Gewichtung klarstellen, wer denn deine Hauptfigur ist.

Übrigens: Der „Böse“ muss sich nicht wie ein A... benehmen, um zu zeigen, dass er auf der falschen Seite steht. Das sind eher die plakativen Bösewichte, die Schlag-drauf-hau-tot-Kerle oder die klischeehaften Gemeinen. Besser ist es, ihn kühl, ruhig, beherrscht zu zeigen, vielleicht sogar Anteil nehmend, besorgt, ehrlich bekümmert, dass er nun leider zur Folter greifen muss. Aber das höhere Ziel verlangt nun mal ... Oder er wird gezwungen, zu tun, was er tut, weil andere seine Liebsten, seine Familie oder ihm wichtige Leute in der Gewalt haben (s. Torsten Fink, "Prinz der Schatten", dort die Figur Faran Ured).

Die Vorgeschichte könntest du zwar als Kontrast aufnehmen: gutes Kind, böser Erwachsener. Das könnte sogar noch ein zusätzlicher Spannungspunkt sein, indem sich der Leser fragt, wie es dazu kommen konnte, dass das Kind zu einem Bösen wurde. Aber es kann auch nach hinten losgehen, wenn die Kindheitsszene nicht noch weitere Aufgaben erfüllt. Etwa eine Schlüsselszene für den Hintergrund des Protagonisten ist.

Lust zum Weiterlesen machst du, indem du eine differenzierte Figur vorstellst, die nicht klischeehaft böse handelt, sondern sich, die Handlung und eventuell das Ziel hinterfragt, mit sich hadert oder sich selbst überreden muss, um etwas Böses zu tun. Oder der andere besonders gute Eigenschaften hat und „nur“ in seiner Zielverfolgung kein Maß mehr kennt.

Interessant kann auch ein durch und durch Böser sein, wenn er denn eine Persönlichkeit ist. Ein runder Charakter sozusagen. Ja, Dexter ist böse, er weiß es, und er kämpft darum, dennoch das „Richtige“ zu tun. Dexter ist ein Soziopath, intelligent und gut im Theaterspielen. Aber er ist auch bemitleidenswert und manchmal etwas komisch. Wenn du so jemanden erfinden könntest, hättest du eine interessante Figur – unabhängig davon, in welchem moralischen Lager sie steht.

beantwortet von: Stefanie Bense (15-6)