Muss ich alles genau so beschreiben, wie die Historiker es belegen könen?

Ich schreibe gerade an einem Roman, der in der Zeit von 1157 bis zur Entlassung von Richard Löwenherz durch Heinrich VI, den Staufer, spielt. Muss ich genau alles so beschreiben, wie es die Historiker schon bewiesen haben, oder kann ich ein wenig meine Fantasie einfließen lassen? Es ist nämlich schwierig, über jeden und alles Bescheid zu wissen. Alleine bei der Anrede der verschiedenen Könige und Kaiser heißt es nachdenken. Vielleicht wissen Sie im Internet gute Seiten, die sich mit Etikette und Kleidung usw. im 12. Jahrhundert beschäfti- gen?

Sie müssen gar nichts. Wenn es Ihnen gefällt, können Sie Heinrich VI. über den Papst triumphieren lassen, Sie können ihn mit einem Elefantenheer ausstatten oder ihn zum Fürsten über eine unterirdische Stadt ernennen. Das sage ich nicht in sarkastischer Schadenfreude, sondern ganz ernst: Sie sind frei! Niemand zwingt Sie, sich an historische Fakten zu halten.

Einen Haken gibt es allerdings. Wenn Sie das Bestreben haben, Ihren Roman irgendwann einmal in sämtlichen guten Buchhandlungen des Landes wiederzufinden, muss Ihnen entweder der Geniestreich gelingen, einen Superseller zu schreiben, der auch außerhalb der für Leser und Buchhändler gewohnten Genre-Einteilung sein Publikum findet, weil er einfach jeden umwirft, der ihn in die Hand nimmt. Oder Sie halten sich an die unausgesprochenen Regeln, die ein Buch über die Zeit Heinrichs VI. dem Regal "Historische Romane" zuordnen und so jedem Leser signalisieren: Dem Wälzer liegt fundierte Recherche zugrunde.

Sie haben Recht, es ist schwierig, über jeden und alles Bescheid zu wissen. Oft ist das nicht einmal möglich, weil die Quellenlage nicht auf jede Frage eine Antwort bereithält. Es gibt auch einen Punkt, an dem Sie die Recherche für beendet erklären dürfen und zu schreiben beginnen sollten (mit kurzen Recherche-Ausflügen zwischendrin, weil Sie etwas vergessen hatten) - sonst wird Ihr Buch nie fertig. Ich will hier kein Mindestmaß festlegen. Je mehr Sie sich im 12. Jahrhundert zu Hause fühlen, desto selbstsicherer werden Sie erzählen und desto farbiger, lebendiger und überzeugender wird Ihnen der Roman gelingen. Natürlich: Es bleibt ein Roman. Und damit fiktiv, ausgedacht, fabuliert. Das ist ganz gut so.

Zu Ihrer Nachbemerkung: Websites, die sich mit der Kleidung des 12. Jahrhunderts beschäftigen, gibt es in Hülle und Fülle (Google hat 28 000 Treffer, wenn Sie "12th century clothing" eingeben). Ich empfehle allerdings die alte, ehrwürdige Bibliothek. Die Hundertschaften an Re-enactors, Schaustellern und Mittelalterfans können Sie leicht aufs Glatteis führen. Nutzen Sie das Internet besser erst dann, wenn Sie schon viel Ahnung haben und nur noch Details ergänzen möchten. Dann fällt es Ihnen leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich geb’s gerne zu: Ich könnte auch nicht auf Anhieb die flämische Mode des 16. Jahrhunderts von der südfranzösischen des 14. Jahrhunderts unterscheiden. Und woher weiß ich, ob ein mir unbekannter Homepage-Gestalter das kann?

beantwortet von:Titus Müller (4-05)