Ist eine Veröffentlichung von Gedichten über BoD zu empfehlen, oder macht das einen schlechten Eindruck auf Agenten und Verlage?

Ich würde gerne meine Gedichte veröffentlichen. Diese lese ich derzeit zusammen mit einem Songschreiber in einem Gesangs-Lyrik-Abend in regelmäßigen Abständen öffentlich vor. Ich wurde mehrfach angesprochen, ob man diese Gedichte nicht in einem Buch kaufen könnte. Ich trage mich mit dem Gedanken, sie bei Book on Demand zu veröffentlichen, und hätte sicher auch keine Problem, sie zu verkaufen! Auch einige Buchläden würden das Buch nehmen.
Jetzt riet mir ein befreundeter Autor davon ab. Da ich zurzeit auch an einem Roman arbeite, könnte die Veröffentlichung bei BoD einen schlechten Eindruck auf potentielle Agenten und Verlage machen. Was ist da dran? Sollte ich lieber unter Pseudonym veröffentlichen? Welche Verlage bzw. Agenten sind überhaupt interessiert an Lyrik von neuen Autoren? Ich habe schon die ganze Odyssee hinter mir: "lobende" Absagen nach monatelangem Warten, unakzeptable Angebote von Zuschussverlagen etc. Für Tipps wäre ich sehr dankbar!

Viele LyrikerInnen in ihrer Anfangsphase meinen, es genüge, in vielleicht drei Jahren eine Sammlung von 50 Gedichten zu schreiben, irgendein Verlag würde diese dann schon veröffentlichen und sich um den Rest kümmern, also um den Verkauf und natürlich auch um den Ruhm der Lyrikerin. Es kann tatsächlich so laufen, dass eine Lyrikerin mit ihrem Frühwerk einen der vielen hunderte Kleinverlage, die es in Deutschland gibt, von ihren Texten überzeugt. Meistens läuft es so aber nicht.

Der ideale Weg zum ersten Gedichtband besteht darin, sich über Jahre hinweg einen Namen zu machen: durch Veröffentlichungen in möglichst renommierten Literaturzeitschriften und Anthologien, durch Teilnahme an Literaturwettbewerben, die in der Branche beachtet werden (zum Beispiel dem Literarischen März), durch Stipendien – kurz: durch eine schrittweise allmähliche Integration in den Literaturbetrieb, der ja nicht nur aus Verlagen besteht, sondern auch aus Literaturgruppen, Redaktionen von Literaturzeitschriften, aus der Organisation von Lesungen usw. Aus einer solchen Position heraus ergibt sich der erste Lyrikband manchmal ganz unkompliziert durch Kontakte, vielleicht weil eine neue Lyrikbekanntschaft beim XY-Verlag ist. Es ist ein langer Weg; oft liegen zwischen den ersten Gedichtversuchen und dem Lyrikdebüt zehn Jahre.

Wer ein Buch als Book on Demand veröffentlicht (bei welchem kommerziellen Anbieter auch immer), steht in der Literaturbranche im durchaus begründeten Verdacht, keinen Verlag von den eigenen Gedichten überzeugt zu haben und sozusagen aus einer Ungeduld heraus und mit aller Gewalt die eigenen Werke auf den Markt bringen zu wollen. Ausschreibungen, die als Teilnahmevoraussetzung einen Lyrikband verlangen, führen immer aus, dass weder ein Buch im Selbstverlag noch ein BoD-Band ausreicht: Der BoD-Band zählt sozusagen nicht. (Nicht gemeint sind damit Verlage, die ihre Bücher als BoD drucken und sich ihre AutorInnen aussuchen, zum Beispiel die Lyrikedition 2000.)

Der BoD-Band kann aber sinnvoll sein, wenn die Nachfrage nach dem eigenen Werk groß ist und wenn sich die Autorin, der Autor literarisch unabhängig von der Literaturbranche bewegt. Da Sie sich jedoch auch als Romanautorin einen Namen machen wollen, rate ich Ihnen von einem BoD unter Ihrem Namen ab. Einer Veröffentlichung unter Pseudonym haftet immer etwas davon an, nicht zu dem eigenen Werk zu stehen. Ich persönlich würde es nicht tun. Die Verwendung eines Pseudonyms könnte in Ihrem Fall sinnvoll sein, wenn Sie in Ihrer Lyrik kein Entwicklungspotential mehr spüren (wenn also der Lyrikband der erste und letzte für Sie wäre), während Sie Ihren Schwerpunkt und auch Ihren literarischen Erfolg in der Prosa sehen.

Normalerweise trägt der Verlag das Risiko dafür, ob sich von einer Auflage von vielleicht 300 Lyrikbänden wenigstens so viele Bücher verkaufen, dass der Verlag keinen Verlust macht. Lyrikbände völlig unbekannter AutorInnen verkaufen sich aber oft so schlecht, dass einige Verlage statt des Normvertrags Verträge anbieten, nach denen die Autorin dem Verlag eine bestimmte Zahl der Druckauflage (vielleicht 150) zu einem reduzierten Preis abkauft und die Bücher zum vollen Preis verkaufen kann. Man kann diese Modell als verdeckten Zuschussvertrag bezeichnen; für AutorInnen, die selbst aktiv eigene Lesungen gestalten, lohnt es sich aber durchaus.

Agenturen interessieren sich grundsätzlich nicht für Lyrik, weil bei den Auflagen, die Lyrikbände in Deutschland erreichen (1.000 Stück haben schon Bestsellercharakter) keine Gewinne zu erwarten sind.

Die meisten Verlage sind über unaufgefordert eingereichte Manuskript nicht gerade erfreut. In den Statistiken geht der Anteil der angenommenen Manuskripte aus dem Stapel der unaufgefordert eingereichten gegen Null. Verlage wollen ihre AutorInnen am liebsten selbst entdecken, zum Beispiel auf Wettbewerben oder Lesungen.

Wer sich dennoch mit einem Manuskript von ca. 10 bis 15 Gedichten plus Kurzbiographie an Verlage wenden möchte, muss vor allem darauf achten, dass die Gedichte zum Verlag passen, das bedeutet, sich vorher gut über das Verlagsprogramm zu informieren und möglichst auch einige Gedichtbände zu kennen. Das ist viel Arbeit.

beantwortet von: Martina Weber (10-5)