Wie kann ich einen Ich-Erzähler am besten vorstellen?

Ich schreibe gerade an einem Roman in der Ich-Perspektive. Dabei ergibt sich für mich folgendes Problem: Ich weiß nicht, wie ich den Anfang gestalten soll, genauer gesagt, wie ich den Hauptprotagonisten (aus dessen Sicht erzählt wird) am Besten vorstellen kann, Name etc.

Vielleicht könnten Sie mir da ein paar Tipps oder Ansätze verraten, die mir helfen, meine Schreibblockade zu lösen.

Zunächst: Ich würde nicht gleich von Schreibblockade sprechen, wenn man lediglich nicht weiß, wie man etwas anpacken soll. Wenn ein Kfz-Mechaniker nicht weiß, wie er eine festgefressene Schraube lösen soll, sagt er ja auch nicht, er hat einen Montierblockage, oder?

Aber zum Problem: Die Ich-Perspektive bringt es mit sich, dass man die Hauptfigur nicht von außen zu sehen bekommt, so wenig, wie man sich selber von außen sieht. Was man nun möglichst vermeiden sollte, sind Klischeelösungen wie etwa den Betreffenden sich im Spiegel betrachten und über sein Aussehen reflektieren lassen.

"Ich betrachtete mich im Spiegel, bewunderte mein markantes Gesicht, meinen muskulösen Oberkörper und den verschmitzten Schalk in meinen Augenwinkeln ..." – spätestens an dieser Stelle legt auch der geduldigste Leser den Text weg! Warum? Weil sich niemand so benimmt.

Aber, Überraschung: Wenn man es richtig macht, kann man sogar dieses Hilfsmittel einsetzen. Das Zauberwort heißt: REALISMUS. Wie ist es denn wirklich? Wenn man morgens in den Spiegel schaut, dann achtet man vor allem auf VERÄNDERUNGEN. Ein Gedankengang wie der folgende z. B. könnte funktionieren:

"Ich betrachtete das ungewaschene Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegensah. War das wirklich ich? Ich fasste ein Büschel Haare, betrachtete es kritisch. Da waren schon graue dabei, lange würde der Eintrag ‚schwarz‘ in der Rubrik ‚Haarfarbe‘ meines Passes nicht mehr stimmen, wenn das so weiterging."

Und so weiter. Generell gilt, dass man sich selber eher kritischer betrachtet als andere das tun; dem müssen solche Gedanken entsprechen.

Ein Vorteil der Ich-Perspektive ist jedoch, dass man am Anfang auch relativ lange ohne explizite Figurenbeschreibungen auskommt. Man muss lediglich als Autor ein klares Bild von der Figur haben, damit man ihre Reaktionen richtig beschreibt (wenn die Figur z. B. sehr groß ist, kann sie sich an Türrahmen stoßen; das darf sie nicht, wenn sie nur 1 Meter 50 groß ist, usw.).

Man kann also beschreibende Details ganz allmählich einfließen lassen.

Eine weitere Möglichkeit, das Aussehen der Figur zu reflektieren, sind andere Figuren. Die Frau, die morgens zum Ich-Erzähler sagt: "Schatz, du musst mal wieder zum Friseur. Zu lange Haare sehen bei Locken nicht gut aus, schon gar nicht bei blonden. Noch zwei Wochen, und du siehst aus wie Thomas Gottschalk. Dann werde ich mich wohl scheiden lassen müssen."

Die Nachbarin, die zu ihm sagt: "Herr X, Sie sind doch ein großer, starker Mann. Könnten Sie mir vielleicht mal die zwei Sprudelkisten hochtragen?"

Auch hier wieder: Realismus. Andere Leute achten normalerweise nicht darauf, was man täglich trägt, werden es also auch eher nicht kommentieren. Aber – es ist plausibel, dass sie einen Kommentar abgeben, wenn sich etwas ÄNDERT:

"Sagen Sie mal, Müller, das ist das erste Mal, dass ich Sie nicht im T-Shirt sehe. So ein Jackett steht Ihnen gar nicht schlecht. Wer hätte das gedacht?"

"Irgendwas ist anders mit Ihnen ... Ah! Jetzt hab ich's. Sie haben sich im Urlaub einen Bart wachsen lassen!"

Und so weiter.

Andere Menschen sind übrigens auch ein gutes Hilfsmittel, den Namen der Figur unauffällig einfließen zu lassen, indem sie die Figur ansprechen, danach fragen oder dergleichen.

Eine weitere unauffällige Möglichkeit, den Namen einzuführen, ist es, die Figur ein Telefonat annehmen zu lassen: Da meldet sie sich einfach mit ihrem Namen. "Guten Tag, mein Name ist James Bond, wie kann ich Ihnen helfen?"

Und nicht zuletzt kann man solche Informationen manchmal auch direkt unterbringen.

"Der Toaster klemmte. Ich rüttelte. Nichts zu machen, er klemmte immer noch. Zorn erfasste mich. Ich, Hans Müller, 36 Jahre alt, ausgebildeter Elektrotechniker, Unteroffizier der Reserve und Schatzmeister des Kleinkleckersdorfer Bastelclubs, würde mich nicht, ich wiederhole, nicht von einem blöden, alten Toaster unterkriegen lassen!"

beantwortet von: Andreas Eschbach (15-11)