Ausgabe 17-12 (20. Dezember 2015)

Editorial
Hall of Fame
Neues aus der Buchszene
Autorenwissen
    “Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe. - Teil 1”
    von Frank Borsch
Schreib-Spiele
    “Gut, dass wir unsere Wörter nicht kaufen müssen -
    Wortschatz-Trainingseinheiten”
    von Maike Frie
Spannung, der Unterleib der Literatur
    "Ein Engel für Familie Seraphim"
    Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Frag den Experten für Kinder- und Jugendbuch
    (Michael Borlik)
Frag die Expertin für Fantasy
    (Stefanie Bense)

 EDITORIAL:
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Liebe Autorinnen und Autoren,

manche sind über Weihnachten immerzu beschäftigt - andere nehmen sich
eine Auszeit. Wenn ihr zu Letzteren gehört, haben wir in diesem
Tempest einige Anregungen für euch, wie ihr eure Auszeit auch für euer
Schreiben nutzen könnt: Frank Borschs Artikel regt zum Nachdenken über
unsere Situation als AutorInnen an; darin findet ihr hilfreiche
Anstöße dazu, euer Schreiben und eure Schreiborganisation für euch
besser zu gestalten (Teil 2 dieses Artikels folgt im Januar). Wer sich
spielerisch dem Schreiben nähern möchte, wird in Maike Fries
Schreibspielen fündig. Und Hans Peter Roentgens neues Lektorat kann
euch helfen, einen frischen Blick auf eure eigenen Texte zu werfen.

Wer außerdem endlich mal Kurzgeschichten, Gedichte oder Theaterstücke
schreiben und zu Wettbewerben einreichen möchte, findet im zweiten
Teil des Tempest zahlreiche Ausschreibungen. Oder ihr beschenkt euch
selbst mit einem Seminar oder Workshop? Auch dazu gibt es neue
Angebote in Tempest-Teil 2, einige davon von AutorInnen und Coaches,
deren Artikel ihr hier im Tempest findet.


Der Tipp des Monats Dezember, diesmal von
https://www.facebook.com/Literaturkaninchen:

    Wenn deine Charaktere sich weigern zu tun, was du für sie
    in der Handlung vorgesehen hast, dann liegt das daran,
    dass du ihnen keinen Grund mitgegeben hast, so zu reagieren,
    wie du es für die Handlung brauchst. Gehe zurück, und arbeite
    an dem Hintergrund der Figur. Pflanze ein Ereignis in ihre
    Vergangenheit, das ihr Verhalten erklärt.
    Gib ihr Motivation und ein Ziel.

Und wie immer an dieser Stelle der wirklich dringende Aufruf:
Überweist uns einen freiwilligen Beitrag, damit wir weitermachen
können. Ganz einfach per Paypal auf unserer Website
http://autorenforum.de  -- oder per Überweisung (Kontodaten unterm
Editorial). Auf ein wunderbares neues Jahr für uns alle!

  Gabi Neumayer
  Chefredakteurin

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Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen
wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen
freiwilligen Jahresbeitrag (15 Euro haben wir als Richtwert gesetzt,
aber ihr helft uns auch schon mit 5 oder 10 Euro weiter) auf das
Konto:

Jürgen Schloßmacher
Kreissparkasse Köln
BIC: COKSDE33XXX
IBAN: DE23370502991142176163
Stichwort: "Beitrag 2016"

Wichtig: Das Konto läuft NICHT mehr auf den Namen “autorenforum”,
sondern nur auf “Jürgen Schloßmacher”!

Neu:  Ihr könnt jetzt auch über unsere Website
http://www.autorenforum.de direkt per Paypal überweisen!

Für AuslandsabonnentInnen: Am 1. Juli 2003 wurden die
Auslandsüberweisungsgebühren gesenkt. Aber natürlich könnt ihr uns
euren Beitrag auch weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des
Tempest).

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ISSN 1439-4669  Copyright 2015 autorenforum.de. Copyright- und
               Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe
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 INHALT DIESER AUSGABE:


TEIL 1:

    Editorial
    Hall of Fame
    Neues aus der Buchszene
    Autorenwissen
        “Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe. - Teil 1”
        von Frank Borsch
    Schreib-Spiele
        “Gut, dass wir unsere Wörter nicht kaufen müssen -
        Wortschatz-Trainingseinheiten”
        von Maike Frie
    Spannung, der Unterleib der Literatur
        "Ein Engel für Familie Seraphim"
        Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
    Frag den Experten für Kinder- und Jugendbuch
        (Michael Borlik)
    Frag die Expertin für Fantasy
        (Stefanie Bense)
    Impressum


TEIL 2:

    Veranstaltungen
    Ausschreibungen
    Publikationsmöglichkeiten
         mit Honorar
         ohne Honorar
    Seminare
    Messekalender
    Impressum


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HALL OF FAME:
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                            (mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Die “Hall of Fame” zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest.
Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst -
dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen
können.

Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!)
nach diesem Schema:

.......
AutorIn: “Titel”, Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende
oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich
könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen
weitere Infos zu eurem Buch unterbringen, zum Beispiel eine Homepage-
Adresse.
.......
Ein Beispiel (!):

Johanna Ernst: “Der Fall der falschen Meldung”, Hüstel Verlag 2015,
Mystery-Thriller. Dann noch 60 Zeichen - und keins mehr! Inklusive
Homepage!
.......

Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im
Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie
Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.

ACHTUNG!
Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr
bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in
einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt
hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen
muss, Lektorat bezahlt o. Ä.

Schickt eure Texte unter dem Betreff “Hall of Fame” an
mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen
Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten.
Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall
ist, werden ab sofort nicht mehr verschickt!
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Brigitte Witzer: “Die Fleißlüge. Warum Frauen im Hamsterrad landen und
Männer im Vorstand”, Ariston 2015, Frauen-Karriere. Wie Fleiß uns von
unserem Potential abhält. www.witzer.de

K. Hanke/C. Kröger: “Eisheide”, Gmeiner 2015, Lüneburg-Krimi. Mehr zu
allen Lüneburg-Krimis auf www.hanke-kroeger.de.


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NEUES AUS DER BUCHSZENE:
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                        (mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Wir leben in turbulenten Zeiten, die Buchbranche ist in Bewegung wie
nie zuvor. Ob es nun um neue Vertragsbedingungen mit Amazon geht, die
zunehmende Digitalisierung des Marktes oder all die neuen Chancen und
Möglichkeiten, die sich Verlagsautoren und professionellen
Selfpublishern bieten: Eine Nachricht jagt die nächste. Damit ihr den
Überblick behaltet und nichts Wichtiges verpasst, fassen wir hier alle
interessanten Links zusammen, die uns jeden Monat ins Auge fallen -
natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
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Autoren / Autorinnen
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http://www.spiegel.de/kultur/literatur/karin-slaughter-neue-krimis-cop-town-und-pretty-girls-a-1066515.html
Karin Slaughter: Wenn Hardcore-Machos Angst bekommen.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/avenue-of-mysteries-von-john-irving-groupies-pillen-listen-a-1062733.html
John Irving: Groupies, Pillen, Bestsellerlisten.


+++++++++
Literatur
+++++++++

http://www.zeit.de/2015/48/literatur-rom-hiddensee-kruso-lutz-seiler
Von Rom nach Hiddensee. Der Roman "Kruso" ist eine literarische
Sensation und ein großer Verkaufserfolg. Hier erzählt der Autor Lutz
Seiler erstmals von seiner schweren Schreibkrise - und wie ihm die
Neugeburt als Schriftsteller gelang.


+++++++++++
Autorenwelt
+++++++++++

https://www.autorenwelt.de/blog/autorenwelt-shop-mit-autorenprogramm-online
Der Autorenwelt-Shop ist nun online.


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Verlage
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http://www.boersenblatt.net/artikel-interview__frank_sambeth_ueber_die_rolle_des_paperbacks.1063507.html?nl=newsletter20151210&etcc_newsletter=1
Power fürs Paperback! Laut Frank Sambeth von der Verlagsgruppe Random
House hat die Klappenbroschur ihr Marktpotential längst noch nicht
ausgeschöpft.


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Urheberrecht
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http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2015/12/14/dieser-gesetzesentwurf-schadet-allen.htm
Verleger, Autoren, Agenten gegen neues Urhebervertragsrecht.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/neues-urheberrecht-gebt-mir-mein-buch-zurueck-13963861.html
Die Bundesregierung bereitet ein neues Gesetz zum Urheberrecht vor.
Autoren sollen Verlagen nach fünf Jahren die Rechte an ihren Büchern
abnehmen können. Namhafte Schriftsteller und Verleger sind entsetzt.


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Amazon
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http://www.boersenblatt.net/artikel-heinrich_riethmueller_zur__bild_-amazon-kooperation.1064361.html
Die BILD-Amazon-Bestsellerlisten-Kooperation als Verkaufsinstrument
eines einzigen Unternehmens.

http://www.boersenblatt.net/artikel-kommentar_zur__bild_-bestseller-liste.1063548.html
Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen zur Bild-/Amazon-
Bestsellerliste.

http://www.boersenblatt.net/artikel-lesetipp__ralf_kleber_im_interview_mit_dem__tagesspiegel_.1061152.html
Amazon denkt über Buchhandlung in Berlin nach.


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Awards / Preise
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http://www.boersenblatt.net/artikel-auszeichnung_der_stadt_bochum.1067210.html
Ulrich Peltzer erhält den mit 15.000 Euro dotierten Peter-Weiss-Preis
der Stadt Bochum.


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International
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http://www.boersenblatt.net/artikel-bilanz_des_zweites_geschaeftsquartals_2015_16.1060343.html
Verlustgeschäfte bei Barnes & Noble.

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SCHREIBKICK:
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Der Schreib-Kick für den September, diesmal von Jasmin Zipperling:

Falls ihr schon einmal die BBC-Serie "Sherlock" gesehen habt, dann
wisst ihr, dass Sherlock Holmes eine unglaubliche Beobachtungsgabe
besitzt. Er betrachtet eine Person und schließt dadurch auf ihren
Charakter oder auf sonstige Umstände. Etwas Ähnliches kann man selbst
machen - als Schreibübung.

Setzt euch in ein Café. Sucht euch eine Person aus und begutachtet
sie. Was könnte den Mann dort drüben veranlasst haben, diese Jacke
anzuziehen? Sie ist an den Ellbogen schon richtig abgewetzt. Kann er
sich keine neue kaufen, oder hat sie vielleicht einen ideellen Wert
für ihn? Möglicherweise hat sie früher seinem Vater gehört, der bei
einem Unfall gestorben ist ... Der Mann holt jetzt sein Mobiltelefon
hervor. Obwohl er selbst eher unauffällig gekleidet ist, steckt das
Handy in einer schreiend roten Hülle, auf der blaue Glitzer-Sticker
kleben. Wie passt das zusammen? Vielleicht hat er eine Tochter, die
diese "Dekoration" vorgenommen hat.

Selbst wenn die Überlegungen zur Person nicht stimmen, regen sie doch
dazu an, über die Geschichte hinter dem Erscheinungsbild nachzudenken.


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AUTORENWISSEN:
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          “Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe. - Teil 1”
                          von Frank Borsch

         Das Mantra

»I’m Joe Haldeman. I’m a writer. I write.«

Freiburg, 1995. Ich steckte noch mitten im Studium und ahnte nicht,
dass ich selbst eines Tages Romane schreiben würde. Durch Zufall war
ich in die Kreise von Science-Fiction-Fans geraten. Die taten gerade,
was SF-Fans so tun: Sie veranstalteten einen Con, sprich ein Treffen
von Lesern und Autoren. Ich half mit, und als der Anglist im Team
wurde ich unversehens befördert - zum Betreuer der Ehrengäste.

Es war der coolste Job der ganzen Veranstaltung. Meine Aufgabe war es,
ein Wochenende lang nach dem Amerikaner Joe Haldeman und dem Briten
Christopher Priest zu sehen. Was hieß, mit den beiden wahlweise in
einem Café oder einer Bar abzuhängen, über Gott und die Welt zu reden
und mit fortschreitender Convention herumzublödeln.

Irgendwann war es Zeit für die Ehrengast-Reden, ein Muss auf SF-Cons.
Chris hatte ein ausgefeiltes Manuskript mitgebracht (und hielt eine
ebenso makellose wie witzige Rede), Joe nahm sich eine Serviette aus
der Bar mit und kritzelte fünf Minuten vor seinem Auftritt ein paar
Stichworte drauf. Dann begann er mit den Worten: »Ich heiße Joe
Haldeman. Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe.«

Wie Joe das sagte, klang es wie das Einfachste der Welt. Was es ja
ist, eigentlich. Aber auch das Schwierigste - wie jeder bezeugen kann,
der sich je am Schreiben versucht hat.

Inzwischen lebe ich vom Schreiben, und Joes Worte sind mein Mantra
geworden. »Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe.« Es gibt Tage, an
denen mein Mantra Wirklichkeit wird, an denen das Schreiben
tatsächlich das Einfachste der Welt ist und die Sonne nur für mich
scheint. Und es gibt Tage, an denen es gar nicht laufen will und
... und, sagen wir, die Sonne nicht so recht hervorkommen will.

Das kommt vor, schließlich arbeite ich auf keinem Ponyhof. Und solange
die schlechten Tage nicht überhand nehmen, kann ich damit leben. Nur:
Was, wenn du dir schlechte Tage plötzlich nicht mehr leisten kannst?

Meine Antwort darauf habe ich in den letzten vier Jahren
herausgefunden. Schreiben ist viel mehr als Schreiben. Aber der Reihe
nach ...


         Das Angebot

Es begann mit einem Telefonat.

Anfang 2011 rief mich Klaus N. Frick an, der Chefredakteur von Perry
Rhodan. Die Serie feiere im Herbst dieses Jahres ihr fünfzigjähriges
Bestehen, so Klaus, und zum Jubiläum wolle der Verlag etwas Unerhörtes
wagen: die größte Science-Fiction-Serie der Welt, die auf das Jahr
1961 zurückgeht, neu zu starten.

Dafür suchte er einen leitenden Autor (im Perry-Jargon »Exposé-
Autor«), jemanden, der sich die Storyline ausdenkt, sie in Vorlagen
für einzelne Romane (die Exposés) gießt, selbst Romane schreibt sowie
die Autoren und deren Manuskripte betreut. »Wäre das was für dich?«,
fragte Klaus. »Klar!«, sagte ich - ohne zu ahnen, auf was ich mich
einließ. Zum Glück, denn sonst hätte ich wohl abgelehnt.

Ich machte mich an die Arbeit, und im September 2011, pünktlich zum
Serienjubiläum, erschien der erste Band von Perry Rhodan Neo.
»Sternenstaub« gefiel, Neo gefiel. Aus dem Experiment wurde eine
Dauerserie, die mittlerweile Band hundert hinter sich gelassen hat.

Für die ersten hundert dieser Romane schrieb ich die Exposés. Ich war
mit Leib und Seele dabei. Klaus hatte mir eine einmalige Chance
gegeben. Als Kind hatte Perry Rhodan mich, das Arbeiterkind, in dessen
Zuhause keine Bücherregale lockten, zum Lesen geführt. Perry bedeutet
mir viel, sowohl persönlich wie auch weltanschaulich.

Die Serie ist eine positive Utopie, sie glaubt an das Gute im
Menschen, daran, dass wir als Menschheit unsere Probleme überwinden
können. Der Held Perry Rhodan verkörpert diese Vision: Der
amerikanische Astronaut trifft auf dem Mond auf Außerirdische. Er
erlangt Zugang zu ihrer märchenhaften Technologie, doch statt sein neu
gewonnenes Wissen der eigenen Nation (und damit dem größten
militärisch-industriellen Komplex der Erde) zu übergeben, eröffnet er
es der gesamten Menschheit.

Diese Grundlage der Serie ist zeitlos. Vieles andere nicht: Seit 1961
hat sich unendlich viel getan. Das ist offensichtlich, was Technik und
Wissenschaft angeht, aber viel tiefgreifender sind die
gesellschaftlichen Veränderungen. Für einen heutigen Leser muten in
den alten Romanen etwa oft die Frauen als die eigentlichen Aliens an.
Den Zeitgeist von 1961 und 2011 trennen Welten. Die Brücke zu schlagen
war eine Aufgabe, die mich reizte.

Mein Riecher war richtig. Neo machte Spaß. Jede Menge Spaß. Nicht
zuletzt dank der vielen Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich
arbeitete. Jeder und jede war zu hundert Prozent bei der Sache, teilte
meine Begeisterung.

Ich legte die neue Handlung in das Jahr 2036, eine Zukunft, die
beinahe zum Greifen nahe ist - und eine perfekte Spielwiese, um im
Hier und Jetzt anzudocken.


         Der Haken

So weit, so gut. Nur: Neo erwies sich auch als Knochenarbeit. Alle
vierzehn Tage erscheint ein 160 Seiten langer Roman.

Dieser Rhythmus gab bald den meines Lebens vor. Zu jedem beliebigen
Zeitpunkt schrieben die Team-Autoren an vier oder fünf Romanen - und
hatten natürlich eigene Ideen, die sie einbringen wollten, und
Rückfragen. Gleichzeitig schrieb ich selbst an mindestens einem Exposé
(oder eigenem Roman), saß an den Vorarbeiten für die nächsten fünf
Exposés, betreute die Autoren, begutachtete die fertigen Manuskripte
und löschte jeden Brand, der irgendwo aufflackerte. Und es brannte
immer irgendwo.

Mit anderen Worten: Neo war organisierter Wahnsinn.

Meine professionelle Aufgabe war es, den Wahnsinn so zu organisieren,
dass dabei eine derart fesselnde Erzählung herauskommt, dass den
Lesern keine andere Wahl bleibt, als alle zwei Wochen für die neueste
Folge zu bezahlen.

Meine persönliche war es, den Wahnsinn so zu organisieren, dass er
nicht auf mich selbst übergriff.
Also lief ich los.

Laufen und Ausdauersport im allgemeinen als Ausgleich habe ich schon
seit längerer Zeit für mich entdeckt. (Siehe auch hier:
http://www.autorenforum.de/the-tempest/46-jahrgang-2010/837-ausgabe-12-07-20-juli-2010 und http://www.autorenforum.de/the-tempest/46-jahrgang-2010/839-ausgabe-12-08-20-august-2010). Je stärker der Druck,
desto mehr lief ich. Und das hatte durchaus seine Reize. Freiburg
liegt im Rheintal, unmittelbar am Stadtrand beginnt der Schwarzwald.
Die Attraktionen: Steigungen und schöne Aussichten ohne Ende und dazu
eine Menge Schweiß und Endorphin. Kein übler Kick.

Trotzdem: Mehr und mehr beschlich mich das Gefühl, um das nackte
Überleben zu rennen.
Exposés sind Romanvorlagen. Ein guter Roman lebt. Damit aus einem
Exposé ein guter Roman entstehen kann, muss auch die Vorlage leben. In
dieser Hinsicht gleichen sich die Aufgaben. Nur: Im Schreiben von
Romanen hatte ich im Lauf der Jahre viel Erfahrung gewonnen - was
Exposés anging, war ich praktisch ein Anfänger.

Ich lernte im laufenden Betrieb (im doppelten Sinne). Was heißt: Dinge
dauern meistens länger als gewünscht. Du verrennst dich in Sackgassen.
Und nicht zuletzt: Fehler, die unabdingbar zum Lernen gehören, begehst
du öffentlich.

Ich lief weiter, kletterte mit dem Mountainbike den Südschwarzwald auf
und ab, wurde zum Stammgast im Fitnessstudio. Ich besann mich auf die
Strategien, die ich in den Jahren davor entwickelt hatte. Genug
Schlaf, genug Pausen (In der Pause liegt die Kraft!), wenig oder kein
Alkohol (Langweilig, ich weiß. Aber nichts tötet meine Kreativität
zuverlässiger als Wein und Bier & Co.). Und natürlich Ausgleich. Weg
vom Schreibtisch, unter Menschen gehen. Kurz gesagt: gut zu sich
selbst zu sein.

Es funktionierte.

Ich hielt Schritt, meine Murmeln beisammen und freute mich daran, dass
Neo wuchs und gedieh. Ich lernte - und irgendwann ging mir auf, dass
das, was ich lernte, weit über das Schreiben hinausging.

[Teil zwei dieses Artikels lest ihr im nächsten Tempest. -- die Red.]

                 **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Frank Borsch schreibt seit 1998. Mit jedem Jahr wächst seine
Überzeugung, dass Schreiben viel mehr als Schreiben ist. Seine
Erfahrungen packt er jetzt in einen Workshop: das Ȇberlebenstraining
für Autoren« (www.überlebenstraining-für-autoren.de). Für Tempest-
Abonnenten mit 10 % Nachlass - einfach bei der Anmeldung das Stichwort
»Tempest« angeben.


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SCHREIB-SPIELE:
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         “Gut, dass wir unsere Wörter nicht kaufen müssen -
                   Wortschatz-Trainingseinheiten”
                            von Maike Frie

Wörter sind das Material, aus dem unsere Geschichten gebaut sind.
Möglichst viele von ihnen kennenzulernen, mit ihnen zu spielen, sie zu
hegen und zu pflegen, das schafft Freiräume beim eigentlichen
Schreiben: Wer aus dem Vollen schöpfen kann, wiederholt sich in einem
Text nicht so oft, findet leichter genau den Ausdruck, der eine Nuance
besser dazu passt, wie sich jemand fühlt usw. Deshalb stelle ich heute
eine Reihe von Übungen vor, mit denen man seinen Wortschatz trainieren
kann.


         Alles auf Anfang

Alliterationen sind Wörter, die mit demselben Buchstaben beginnen, so
der altbekannte Werbespruch “Milch macht müde Männer munter”. In einer
Kennlernrunde können alle Begriffe zu den einzelnen Buchstaben der
Teilnehmer-Namen notieren - und anschließend darüber diskutieren, was
zum Einzelnen gut passt und was nicht.

Auch der Klassiker “Ich packe meinen Koffer” eignet sich zum
Kennenlernen und für Alliterationen. Als Gruppe kann man gemeinsam
einen “Schreibwerkstatt-Koffer” packen und lauter Schiffe,
Schonbezüge, Schallplatten und Schuhe mitnehmen. Auch in der Runde
lässt es sich spielen, indem jeder seinen Namen nennt und Dinge
mitnimmt, die mit demselben Anfangsbuchstaben beginnen. Das
Konzentrieren auf die eigene Aufzählung wird umso schwieriger, weil
man durch die anderen mit ihren Namen und Kofferinhalten abgelenkt
wird.

Als Ideensammlung bieten sich Wörterlisten zum Alphabet an, sogenannte
ABC-Darien: Für Kinder zu Themen wie Halloween, Ferien oder Zirkus,
für Erwachsene zu Themen, an denen die eigenen Texte haken, oder so
etwas wie Meer und Büro. Dafür schreibt man alle Buchstaben des
Alphabets untereinander auf und sammelt zu jedem Begriffe, die einem
einfallen. So lassen sich Schreibhemmungen überwinden oder man kann
einen Einstieg in ein Thema finden.


         Im Land der gekauften Wörter

Und endlich kann man mal ein von uns allen geliebtes Material als
Ausgangspunkt nehmen: ein Buch. “Die große Wörterfabrik” von Agnès de
Lestrade und Valeria Docampo aus dem mixtvision Verlag (rund 10 Euro)
erzählt mit stimmungsvollen, in Braun-Rot-Tönen gehaltenen Bildern die
Geschichte von Paul. Er lebt in einem Land, in dem sich nur die
Wohlhabenden Wörter aus der Wörterfabrik kaufen können. Alle anderen
müssen schweigen oder im Abfall nach nicht mehr gebrauchten Wörtern
suchen. Dennoch schafft Paul es vor dem reichen Oskar, Marie für sich
zu gewinnen. Ein Plädoyer für die Macht der Liebe und der Wörter.

Diese Geschichte vorzulesen eignet sich eher für Gruppen mit Kindern;
allerdings muss man aufpassen, dass es nicht ins Alberne abdriftet,
weil die Liebe - und der erste Kuss - im Grundschulalter oft ein
peinliches Thema ist. Anschließen lassen sich verschiedene
Schreibaufgaben mit Fragen wie “Stell dir vor, du lebst im Land der
Wörterfabrik. Was erlebst du dort?” oder “Was meinst du, wie es mit
Paul, Marie und Oskar weitergeht?”.

Aber auch eine reine Wortschatzübung bietet sich an: Jeder malt eine
Schatzkiste oder bekommt eine Kopie einer Schatzkiste und sammelt
darin seine Wortschätze. Welche Wörter bedeuten mir besonders viel?
Warum mag ich sie? Wegen ihrer Bedeutung? Wegen ihres Klangs? In
Erwachsenengruppen kann man spezielle Familienwörter sammeln: Oft
haben sich in Familien frühere Ausdrucksweisen der Kinder erhalten,
lustige Missverständnisse wie “Speermüll” oder als Beispiel für
unseren persönlichen Sprachgebrauch: “gong-gong” für Würzsalz. Mit
diesen Wörtern lassen sich anschließend wieder gut Texte schreiben -
die nichts mit ihrem Ursprung oder dem Land der Wörterfabrik zu tun
haben müssen.


         Wort-Schatzkisten oder Wortschatz-Kisten

Wortschätze zu sammeln, bietet sich nicht nur nach der Lektüre der
großen Wörterfabrik an. Bei größeren Schreibprojekten lohnt es sich,
für einzelne Figuren spezielle Ausdrücke und Lieblingswörter zu
sammeln. So kann man Figuren in Dialogen gut über ihre Sprechweise
charakterisieren.

Auch sonst ist ein Fundus an Lieblingswörtern, Lautmalereien und
exotischen Begriffen hilfreich, wenn man einmal bei einer Formulierung
feststeckt oder eine bestimmte Stimmung in einer Textpassage
transportieren möchte. Hilfreich sind dabei Notizen beim Lesen und
Alltagseindrücke beim Aufschnappen von Gesprächsfetzen anderer. Wenn
es ein wenig exotischer oder eher altertümlich sein soll, empfehle ich
einen Blick in Bodo Mrozeks “Lexikon bedrohter Wörter” (inzwischen I &
II), erschienen bei rororo (rund 7 Euro). Darin hat er deutsche
Begriffe gesammelt, die vom Verschwinden bedroht sind - einfach, weil
sie in der Realität kaum noch vorkommen (so etwas wie “Wählscheibe”)
oder weil unsere Sprache eben ständig im Fluss ist (zum Beispiel
“Kaiserwetter”).


         Clustern mal anders

Noch weiter ins Fantasievolle gehen erfundene Wörter. Ein gutes
Beispiel dafür ist die das Jabberwocky-Gedicht von Lewis Carroll. Eine
tolle deutsche Übersetzung unter dem Titel “Der Zipferlak” hat
Christian Enzensberger geschaffen - beide Texte finden sich im
Internet. Zu einzelnen Wörtern aus diesem Gedicht (oder selbst
erfundenen) lassen sich als Aufwärmübung wundervoll humorige Cluster
oder Mindmaps erstellen. Ein Fantasiewort (zum Beispiel “Pluckerwank”)
in die Mitte eines großen Blattes schreiben, und alle assoziieren wild
drauflos: Jeder zieht Verbindungslinien, kreist ein und findet neue
echte oder erdachte Begriffe, die zu dem Ursprungswort passen.

Als Schreibanregung lassen sich solche Wörtersammlungen natürlich auch
nutzen. Es entsteht oft eine sehr bunte Textmischung, wenn alle über
dieselben (verrückten) Begriffe schreiben. Wer wollte nicht schon
einmal eine Geschichte über “glasse Wieben” verfassen?

Nicht ganz so unrealistisch, aber auch nicht “normal” wird es mit
einem Fremdwörterlexikon oder dem Spiel “Nobody is perfect”. Dort
finden sich reale Wörter, die dennoch kaum jemand kennt. Dazu lassen
sich ebensolche Cluster oder Mindmaps erstellen, die wiederum als
Reizwörtersammlung zum Schreiben anregen.


         “Nobody is perfect”

Nicht nur die Einzelkarten aus dem Spiel, auch das ganze Spiel an sich
eignet sich gut zum fantasievollen Wörtertraining. “Nobody is perfect”
kommt von Ravensburger und kostet als Mitbringspiel rund 9, sonst ab
30 Euro. Die Spielidee ähnelt der des Bildkartenspiels “Dixit”, das
ich im nächsten Tempest vorstellen werde. Auf den Karten stehen
Begriffe, die wenig bekannt sind und zu denen sich jeder eine
möglichst sinnvolle Erklärung ausdenken soll. In jeder Runde gibt es
einen neuen Spielleiter, der die richtige Lösung kennt. Alle
ausgedachten und die korrekte/n Lösung/en werden vom Spielleiter
nacheinander vorgelesen, jeder tippt auf die seiner Meinung nach
richtige Erklärung, und dann gibt es Punkte für den passenden Tipp und
dafür, wenn jemand auf die eigene Erklärung hereingefallen ist. Also,
was ist nun ein / eine Neschi? Hat das was mit Naschen zu tun? Oder
mit einer erkälteten Nessi? Oder ist es doch eher die arabische
Schreibschrift? Selbstverständlich kann man auch sofort ohne Spiel
loslegen, zum Beispiel mit einem (Fremdwörter-)Duden oder dem Internet
im Hintergrund - Hauptsache, man hat eine Quelle für Spezialwörter.

Im nächsten Tempest stelle ich verschiedene Bildkarten vor, die unsere
Fantasie herrlich beflügeln.

                 **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Maike Frie, Münsteranerin von 1976 mit Skandinavien-Begeisterung; nach
Stationen in Oslo und Hamburg heimgekehrt; tätig als Dozentin,
Texterin, Lektorin und Mutter; bietet für Autoren Korrektorat,
Lektorat und Manuskriptberatung sowie ein Seminarprogramm zum
Kreativen Schreiben - mehr unter http://www.skriving.de.


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SPANNUNG, DER UNTERLEIB DER LITERATUR:
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                            (mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Was macht Romane spannend, und vor allem: Was macht sie langweilig?

Wer Szenen hat, die sie oder er für spannend hält, oder Szenen, bei
denen er sich nicht sicher ist, oder solche, die eigentlich spannender
gestaltet sein sollten, doch die Frage ist: Wie? - wer solche Szenen
hat, kann sie mir schicken.

Ich wähle dann einige aus, die ich im Tempest bespreche. Schickt die
Szenen als E-Mail-Anhang im RTF-Format an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Bitte nicht mehr als 7.000 Anschläge, also etwa vier Normseiten. Dazu
zählt auch der Vorspann! Da die Szenen aus beliebigen Stellen eurer
Manuskripte stammen dürfen, müsst ihr eventuell die Vorgeschichte der
Szene erklären. Diese Erklärung sollte 400 Anschläge nicht
überschreiten!
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                  "Ein Engel für Familie Seraphim"
             Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen

(Bella (6 Jahre) bringt die gehbehinderte Zilja (8) im Bollerwagen zu
einem Bach, wo angeblich Babys zu finden sind.)

“Zilja, was war das?”
“Vielleicht ein Baby?”, sagt Zilja, lacht kurz auf und legt die beiden
Hände auf den Mund.
“Wo?!”
“Dort. Sei jetzt still! Lauf schnell zum Wasser!”
Bella rennt los.
Oberhalb des Bachs, genau dort, wo vor kurzem das rätselhafte Licht
aufleuchtete, schaukelt jetzt ein geflochtenes Körbchen in der Luft.
“Wie kann ich es fassen? Zilja, hilf mir, sonst ist es weg!”
Zilja kann nicht aufstehen und Bella helfen. Sie sieht, wie die Kleine
gefährlich nah ans Wasser kommt. Voller Ungeduld. Ihr linker Fuß
streift gefährlich über die moosbedeckten Steine. Sie rutscht aus.
Platsch!
Die Miniaturlandschaft im Bach erwacht aus dem Winterschlaf, und das
Wasser wird schlammschmutzig.
“Zilja!”
“Bella!”
“Hilfe!”
Bella verschwindet für einen kurzen Moment komplett unter dem Wasser,
doch sie stellt sich im Strom auf. Ihre Kleidung ist schwer, schmutzig
und nass.

Zilja im Bollerwagen erschauert:
“Das habe ich befürchtet! Wie kommen wir jetzt nach Hause? Kann Bella
sich alleine helfen? Sie wird gleich frieren! Was habe ich bloß
gemacht!”
Währenddessen macht Bella mutige tapsige Schritte im Wasser Richtung
Körbchen. Sie tritt auf glitschige Steine, versucht, schneller zu
gehen. Zu Mitte hin wird der Bach etwas tiefer, Bella muss das letzte
Stück zum Körbchen rudern. Endlich steht sie davor und streckt ihre
Hände danach hoch. Sie hat´s!
Ganz vorsichtig zieht Bella es an sich.
“Geschafft!”
Zilja atmet erleichtert aus. War sie aufgeregt, während Bella im Bach
nach dem mysteriösen Körbchen fischte!
“Das Körbchen ist schwer”, ruft Bella Zilja zu. “Da ist eine Decke und
noch etwas drin. Ich zeige es dir gleich!”
Die glückliche Bella stampft zum Ufer, ihr Schatz mit beiden Händen an
die Brust gepresst.
Sie passt nicht auf und rutscht zum zweiten Mal aus. Sie fällt nach
hinten der Länge nach ins Wasser. Auch das Körbchen taucht unter.
Zilja am Ufer schreit entsetzlich. Ihr wird gleichzeitig bange um ihre
abenteuerlustige unselige Schwester und um das Wesen, das sich
eventuell im Körbchen befindet. Sie schreit weiter, weil Bella nicht
an die Wasseroberfläche kommt.
Sie ist weg.
Vielleicht bereits ertrunken!
Tot! Nein! Nein! Nein!
Sie springt beinahe aus dem Bollerwagen raus.
“Be-e-e-e-lla!”
“La- la- la!”, schallt es aus dem Wald.
“Be-e-e-e-lla! Hilfe, Bella ist ertrunken! Hilfe!”
“Ilfe - Ilfe- fe- fe- fe!”, wiederholt der Wald.
Ilfe? Zilja ist still. Hat das Echo "Ilfe" gesagt oder war das "Elfe"?
Eine Elfe oder ... ein Engel! Die könnten sofort helfen! Aber gibt es
sie? Die gibt es nicht! Zumindest nicht in unserem Dorf und hier, am
Bach auch nicht!
"Hilfe!”
Zilja schaut hinunter zum Bach, zu der Stelle, wo sie Bella zum
letzten Mal gesehen hat.
Ist das möglich? Die Stelle ist in ein bläuliches Licht eingetaucht!
Langsam kommt etwas Dunkles, Langgestrecktes an die Oberfläche. Zilja
erkennt die Farbe von Bellas Pelzmantel. Und ihr Gesicht. Bella kommt
immer höher.
Jetzt hängt sie überm Wasser und hält immer noch das Körbchen in den
Händen! Das Körbchen leuchtet blau. Oder täuscht sich Zilja?
Ihr wird es unheimlich. Am besten würde sie zu Bella laufen. Oder
einfach weg von diesem unheimlichen Ort! Aber ... Zilja kann nicht
weg. Sie sitzt entsetzt im Bollerwagen und schaut hastig zur Seite.
Zwischen den moosbewachsenen Bäumen ist plötzlich eine Gestalt im
dunklen Gewand zu sehen. Diese kommt immer näher.
“Wer ist das? Ein Mensch? Was macht er hier?”
Zilja stockt der Atem.
Sie schaut wieder zu Bella über dem Bach. Diese schwebt langsam aufs
Ufer zu.
Vor Ausweglosigkeit legt Zilja ihre Hände aufs Gesicht und fängt an zu
weinen.
Sie spürt eine Hand auf ihrer Schulter.
Sie öffnet die Augen:
“Papa? Du?”
Dann wirft sie einen Blick zum Bach.
“Bella, du lebst!”
Papa ist hoch aufgeregt: “Wie meinst du es, sie lebt?  Jetzt erzählt
mir, was ihr hier macht!”
Er schaut die beiden Mädchen abwechselnd an.
Bella läuft mit dem Körbchen vor der Brust zu Zilja und Papa. Dabei
plappert sie forsch und unbesorgt los:
“Schau, Papa, wir haben etwas gefunden. Ein Körbchen. Toll, nicht?”
Sie hält ächzend das Körbchen dem Papa vor die Nase.
“Hast du das gefunden? ...Was ist hier überhaupt los?”
Papa ist verwirrt.
Bella dagegen strahlt:
“Das Körbchen ist jetzt viel schwerer als am Bach.”
Ihr fällt es fast aus den Händen.
“Hoppla!” Papa nimmt Bella das Körbchen ab.
In diesem Moment bewegt sich etwas darin. Es kommen glucksende
Geräusche.
Alle erstarren und dann:
“Ah! Ein Baby!”
“Bitte seid leise, wir erschrecken das ... das Baby!”, mahnt Papa sie
und fügt leise hinzu, als ob er mit sich selbst spräche: “Ein Baby?
Ein Baby. Aber ... wie sagen wir es Mama?”
Erst jetzt merkt Zilja, dass Bellas Hose und der Pelz trocken sind.
Wie kann das sein? Ist sie überhaupt in den Bach gefallen? Hat Zilja
das womöglich geträumt?
Währenddessen hebt Bella vorsichtig das zarte Babydeckchen hoch und
eine Faust streckt sich ihr entgegen.
“Wow, ich bin ganz von den Socken! Das Baby ist winzig. Und hat
schönes Krausehaar. Und eine schokoladene Haut, so zart! Und es riecht
nach Roggenbrot!”, stellt Bella triumphierend fest.
Zilja kann aus dem Bollerwagen heraus nicht viel sehen. Papa deckt das
Baby kurz auf und zeigt es Zilja. Er schnuppert daran:
“Tatsächlich, es riecht nach Roggenbrot, wenn man es im alten Ofen
backt, nach sauberer Bettwäsche und nach etwas Wunderbarem ... So. Was
machen wir jetzt? Wir haben ein fremdes Baby, ein schwarzes Baby ohne
Mutter.”
“Das hat geschwebt überm Wasser”, betont Bella.
“Das macht die Sache nicht leichter. Los, wir nehmen es zu uns nach
Hause.”

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

                  Lektorat von Hans Peter Roentgen

Zwei Mädchen ziehen los, zu einem Bach, an dem angeblich Babys
auftauchen. Eines der beiden, Zilja, ist gehbehindert, sitzt in einem
Bollerwagen und kann nicht laufen. Und dann entdecken die beiden ein
Körbchen, das über dem Bach schwebt, Bella will es holen, fällt in den
Bach und ertrinkt beinahe. Doch es gelingt ihr, das Körbchen zu fassen
und zum Ufer zu zerren. Leider fällt sie wieder und taucht mit dem
Körbchen im Wasser unter. Zum Glück kommt eine gute Fee und rettet
beide, und Bella ist nicht mal nass.

Die Geschichte verspricht Spannung, wenn man sich diese Struktur
ansieht. Aber sie ist nicht spannend. Warum?

Weil ich die Geschichte nicht glaube. Geschichten dürfen
unwahrscheinlich sein, unrealistisch, Zauberei, Magie und Körbchen mit
kleinen Babys enthalten. Alles kein Problem. Aber der Leser muss es
glauben. Er muss sich mit den Personen identifizieren können, die
Personen müssen so reden, wie diese Personen reden würden, und nicht
wie der Autor möchte, dass sie reden.


         In Personen leben

.....
“Das habe ich befürchtet! Wie kommen wir jetzt nach Hause? Kann Bella
sich alleine helfen? Sie wird gleich frieren! Was habe ich bloß
gemacht!”
.....

Mit wem redet Zilja hier? Nicht mit Bella, sie spricht nämlich über
Bella. “Kann Bella sich alleine helfen?”, sagt sie, nicht: “Kannst du
dir alleine helfen, Bella?” Obendrein ist klar, dass Zilja nicht
aufstehen kann, also Bella gar nicht helfen kann.

Versetzen sie sich in die Lage von Zilja. Was könnte sie in dieser
Situation sagen? Sicher nicht: “Das habe ich befürchtet! Wie kommen
wir jetzt nach Hause? Kann Bella sich alleine helfen?” Das sagt der
Autor, der damit den jungen Lesern die Fragen vorspricht, die sie sich
stellen sollen. Aber auch junge Leser sind nicht dumm. Sie wollen
selbst die Fragen stellen. Aufgabe des Autors ist es nicht, dem Leser
die Fragen vorzuformulieren. Sondern die Geschichte so zu erzählen,
dass der Leser sich fragt: “Wie kommt Bella da jetzt wieder raus?” Das
geschieht ja im folgenden Absatz:

.....
“Währenddessen macht Bella mutige tapsige Schritte im Wasser Richtung
Körbchen. Sie tritt auf glitschige Steine, versucht, schneller zu
gehen. Zu Mitte hin wird der Bach etwas tiefer, Bella muss das letzte
Stück zum Körbchen rudern. Endlich steht sie davor und streckt ihre
Hände danach hoch. Sie hat´s!”
.....

Ich würde das “Währenddessen” streichen, also: “Bella macht tapsige
Schritte in Richtung Körbchen. Sie tritt auf glitschige Steine ...”

Und lassen Sie es ruhig dramatischer werden. Denn Bella ist im Bach,
die Steine sind glitschig, der Bach hat eine Strömung, wird in der
Mitte tiefer. Also wird es nicht so einfach sein.

Das, was da passiert, bestimmt auch, was Zilja sagen würde.
Vielleicht: “Komm raus!” Denn Bella ist bereits gestürzt. Sie rutscht
immer wieder auf den Steinen aus. Beim nächsten Sturz wird das Wasser
sie fortreißen. Obendrein hat sie schwere, nasse Kleidung an. Dass
Zilja möchte, dass sie zurückkommt, wird jeder Leser glaubhaft finden.
Und sich fragen: “Wie kommen die beiden aus dieser Situation wieder
heraus?” Aber das soll sich der Leser fragen, das sollte der Autor
nicht über den Mund Ziljas dem Leser vorkauen.

Und Bella? Bella wird nicht auf Zilja hören. Sie will das Körbchen
haben, ihr ist es egal, dass sie ausrutscht, dass ihr die nassen
Kleider am Leib hängen und sie behindern. Dass sie, wenn sie wieder
ins Wasser stürzt, gar nicht richtig schwimmen kann. Sie kennt nur ein
Ziel: das Körbchen.

Womit wir einen klassischen Konflikt hätten, der obendrein sehr
glaubhaft ist: Zilja bangt um Bella und will, dass sie rauskommt.
Bella will nicht aus dem Wasser, sondern das Körbchen holen.
Vielleicht hört man aus dem Körbchen ein Weinen? Ein Baby, das
unglücklich ist? Das wird Bella erst recht anfeuern, das Körbchen auf
jeden Fall zu bergen.


         Die Angst des Autors vor dem Stoff

Ach ja, warum ist das Baby erst ganz zum Schluss im Körbchen? Warum
nicht von Anfang an? Ich glaube, ich kenne den Grund. Wenn es bereits
jetzt im Körbchen ist, wird es zusammen mit Bella ins Wasser stürzen.
Klar, dass jeder Autor davor Angst hat. Das Baby wird ertrinken! Da
wählt man den leichteren Ausweg: Das Baby materialisiert sich erst,
als es die Gefahr vorbei ist.

Wählen Sie nie den leichteren Weg, wenn Sie eine Geschichte erzählen.
Ja, Bella stürzt erneut in den Fluss, das schwere Körbchen hat sie aus
dem Gleichgewicht gebracht. Das Schlimmstmögliche ist passiert. Das
Baby wird ertrinken, heult der Leser auf. Gut!

Ein Autor ist nicht das Rote Kreuz. Ganz im Gegenteil, wenn er
spannend erzählen will, muss er das Schlimmstmögliche geschehen
lassen. Wenn es glaubhaft ist. Und hier ist das nicht nur glaubhaft,
sondern sehr wahrscheinlich.

Also lassen Sie es passieren. Natürlich wollen Sie das Baby nicht
ertrinken lassen. In einer Kindergeschichte wäre das auch keine gute
Idee. Aber darüber, wie es trotzdem glaubhaft gerettet wird, kann man
sich später den Kopf zerbrechen. Lassen Sie es also erst mal ins
Wasser fallen.


         Magie

Dann kommt die Magie nochmals ins Spiel. Beim ersten Mal schwebt ein
Körbchen über dem Bach. Da ist Magie im Spiel. Jetzt, beim zweiten
Mal, kommt wieder Magie ins Spiel und rettet Bella. Und das ist zu
viel Magie. Sie dürfen Magie in Geschichten, vor allem in
Kindergeschichten, durchaus verwenden. Aber die Magie muss einer Logik
folgen. Vor allem darf sie nicht einfach dem Autor die Arbeit
erleichtern. Und ein Baby retten.

So was nennt man in der Fachsprache “Deus ex Machina”. Der Gott aus
der (Theater-)Maschine. Ratlose Autoren haben früher gerne Götter
eingesetzt, um ihre Helden aus schwierigen Situationen zu retten. Aber
auch in früheren Zeiten wusste jeder, dass das ein fauler Zauber war.
Ein bequemer Ausweg für den Autor.

Erinnern Sie sich an Kindermärchen? Wie hoffnungslos Hänsel und Gretel
in Bedrängnis kommen? Die böse Hexe setzt Hänsel gefangen, und kein
blaues Licht befreit ihn. Sondern die List von Gretel, die sich eine
Rettung einfallen lässt, die Hexe in den Ofen stößt und Hänsel
befreit.

Lassen Sie Bella wie Gretel das Problem lösen, ohne blaues Licht.
Spuckend kommt sie wieder an die Oberfläche, hält das Körbchen fest
umklammert, immer darauf bedacht, dass es nicht wieder ins Wasser
fällt. Und schließlich erreicht sie das Ufer.

Da kommt Papa, und er weiß, wie man Babys behandelt, die Wasser
geschluckt haben ...

Fazit: Die Idee der Geschichte ist gut. Jetzt muss sie nur noch
spannend geschrieben werden. Verwandeln Sie sich in die Mädchen,
beschreiben Sie sie nicht von außen, sondern lassen Sie sie agieren
und sprechen, wie die beiden eben handeln und sprechen würden. Und
ersparen Sie ihnen nichts, retten Sie sie nicht durch blaue Lichter,
sondern lassen Sie Bella zur Heldin werden, die sich und das Baby
rettet. Dann wird es eine spannende Geschichte.

                 **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Hans Peter Roentgen ist der Autor der Bücher "Vier Seiten für ein
Halleluja" über Romananfänge, "Drei Seiten für ein Exposé" und
“Schreiben ist nichts für Feiglinge”. Außerdem hält er Schreibkurse
und lektoriert. Anfang des Jahres ist sein neuer Ratgeber “Spannung -
der Unterleib der Literatur" erschienen.


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UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN:
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Schreibgruppen: Ute Hacker
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Science-Fiction: Andreas Eschbach
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Experten-Special:
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Bjørn Jagnow, unser ehemaliger Verlagswesen-Experte, hat seine Fragen
und Antworten zu den Themen Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung
der letzten Jahre gesammelt  - thematisch sortiert und aktualisiert:

"Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung für Autoren 2012", E-Book,
2,99 Euro, http://www.amazon.de/gp/product/B007VD3OL6/

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FRAG DEN EXPERTEN FÜR KINDERBUCH:
---------------------------------------------------------------------
        Michael Borlik (mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)


Frage:
Eine Autorin hat eine Idee für eine Kinderbuchreihe. Sie wollte selbst
[...] einen Illustrator suchen und nicht vom Verlag einen zugewiesen
bekommen. Ich habe drei Probebilder (gratis) angefertigt, danach hat
sie sich für mich entschieden.

Sie sagte, da sie schon mehrere Bücher (Erwachsenen-Literatur)
veröffentlicht hat [...], macht sie sich nicht die geringsten Sorgen,
dass das Buch durchkommt. Sie sagte, man müsse mehrere Bilder zu dem
Skript einreichen, und da wir im gleichen Boot sitzen, müssen wir
jetzt halt beide investieren. Sprich: Ich zeichne seit Wochen gratis
diese Testbilder, die wir nun einreichen. Das sind extrem aufwendige
Illustrationen [...].

Nun kam für mich überraschend von ihr die Frage, ob ich bevorzugen
würde, dass wir über einen Literaturagenten gehen. Direkt oder wenn
die Sachen nicht auf Anhieb genommen würden. Oder ob ich dabei bleiben
will, dass sie an die Verlage rantritt. Der Agent würde 15-20 % vom
Verdienst bekommen.

Ich bin überrascht, da ich dachte, dass ihr Hauptteil der Arbeit darin
besteht, dieses Marketing-Konzept zu schreiben. Da sie, glaube ich,
der Meinung ist, dass ihr auch prozentual mehr zusteht als mir, wenn
das Buch genommen wird. Obwohl sie pro Seite nur 1-2 Sätze schreibt
und ich bestimmt 1-2 Wochen an so einem Bild arbeite.

Ist dieses Vorgehen normal, oder habe ich zu Recht langsam ein ungutes
Gefühl?

Ihre Argumentation lautet: An diesem Buch wirst du nicht viel
verdienen, aber dafür werden die Autoren sich danach zuhauf bei dir
melden und du wirst dich vor Angeboten nicht retten können. "Sieh es
als Investition, um durch mich bekannt zu werden."

Wie sollte ich mich verhalten, gerade auch für den Fall, dass ein
Verlag uns nimmt?


Antwort:
Ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Fragen mit der Autorin zu besprechen.
Erst wenn alle Bedenken aus dem Weg geräumt sind, sollten Sie sich an
einen Verlag oder eine Agentur wenden. Vor allem die Frage nach der
Honorarverteilung sollten Sie zuvor klären und in schriftlicher Form
festhalten.
Wenn eine Seite nicht einen wesentlich höheren Arbeitsaufwand hat,
sehe ich keinen Grund dafür, warum das Honorar nicht 50:50 aufgeteilt
werden kann.

Tatsächlich ist es so, dass in der Regel der Verlag sich einen
Illustrator zu einem Buchprojekt sucht.
Wenn das Buch erscheint, rechnen Sie daher bitte nicht damit, dass Sie
sich plötzlich “vor Aufträgen nicht mehr retten können". Um an weitere
Aufträge heranzukommen, müssen Sie im Normalfall mit Ihren Arbeiten
und Referenzen bei den Verlagen vorstellig werden.

Viele Autoren und Illustratoren lassen sich heutzutage von einer
Agentur vertreten. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Wenn Sie sich
für diesen Weg entscheiden, sollten Sie sich der Agentur gemeinsam
vorstellen und auch gemeinsam einen Vertrag über dieses Projekt mit
dieser Agentur abschließen. Auf diese Weise werden mögliche
Unstimmigkeiten von vornherein vermieden.

Eine Überlegung ist auch, ob Sie sich nicht unabhängig von diesem
Projekt bei einer Agentur bewerben wollen. Denn, wie gesagt: Im
Normalfall sucht der Verlag den Illustrator für ein Projekt aus, nicht
der Autor.

                 **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Michael Borlik, 1975 geboren, ist freier Schriftsteller, der bereits
über 30 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht hat. Mehr Infos zu
seinen Büchern unter http://www.borlik.de.


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FRAG DIE EXPERTIN FÜR FANTASY:
---------------------------------------------------------------------
         Stefanie Bense (mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)


Frage:
Ich habe ein Fantasy-Manuskript geschrieben (knapp 300 Normseiten) und
bin mit der Überarbeitung in den letzten Zügen. Im Dezember 2015
wollte ich es als E-Book bei Amazon oder anderen Diensten publizieren.
Was mich jedoch davor zurückschrecken lässt, ist folgende Frage:
Gefährde ich durch ein Fantasybuch meinen Arbeitsplatz? [...]

Die Fantasy, die ich geschrieben habe, hat rein gar nichts mit meiner
Arbeit zu tun. Das heißt, es gibt hier keinerlei Bezüge zur Tätigkeit.
Aber es ist auch "Erwachsenen"-Fantasy, und dementsprechend düster und
auch brutal geht es zu (an einigen Stellen). [...] Ich habe Sorge,
dass Kollegen oder mein Arbeitgeber das Buch findet, aufschlägt und
darin "Gedanken" und Themen wiederfindet, die er mit seinen Interessen
als Kundenservice nicht in Einklang bringen kann.
[...]

Mache ich mir hier zu viele Gedanken?


Antwort:
Erst einmal: Herzlichen Glückwunsch, dass du dein Manuskript
fertiggestellt hast und jetzt überarbeitest. Das zeigt schon mal, dass
es dir ernst ist mit dem Schreiben.

Grundsätzlich gilt die Freiheit der Kunst, durch Art. 5 Absatz III GG
gewährleistet. Allerdings machst du aus deiner Kunst (dem Manuskript)
durch den Verkauf an einen Verlag (oder als E-Book über einen
Anbieter) ein Produkt. Dieses Produkt steht öffentlich zur Einsicht
an, d. h., jeder kann dazu eine Meinung entwickeln.

Eigentlich sollte niemand - egal, ob Vorgesetzter, Kollege oder
Bekannter - daraus ableiten, dass du als Fantasy-Held durch die Gegend
reitest und Kinder vor der Vergewaltigung rettest oder auch nicht. Du
bist schließlich nicht dein Protagonist. Aber niemand kann verhindern,
dass sich die Leute Gedanken machen und Spekulationen anstellen, was
das für jemand sein könnte, der über solche Themen in diesem oder
jenem Stil schreibt. Oftmals gilt immer noch: Wenn jemand “so was”
schreibt, dann hat er auch eine Affinität dazu. Mich hat man schon des
öfteren gefragt, ob ich wirklich reiten und kämpfen könnte (na ja,
konnte ich) und ob ich tatsächlich auf den Berg gestiegen bin (nein,
bin ich nicht). Komisch, mich fragt niemand, ob ich Drachen füttere
oder zaubern kann. ;-)

Meistens bleibt es bei Neugier-Bekundungen und es ergeben sich keine
Konsequenzen daraus. Doch was steht wirklich dahinter, wenn man
versetzt wird, ein anderes Arbeitsgebiet zugewiesen bekommt, andere
Kunden betreuen soll? Liegt das nun am Alter, am Öfter-mal-zu-spät-
Kommen oder an dem Buch, das ich geschrieben habe? Oder liegt es an
betrieblichen Umstrukturierungen, dem Arbeitsmarkt oder der Konkurrenz
untereinander? Wer will's wissen? Wen interessiert's?

Sollten mein Arbeitgeber oder meine Kollegen mich aufgrund meiner
Texte weniger mögen oder benachteiligen, dann sind es für mich die
falschen Arbeitgeber und Kollegen. Nebenbei: die meisten bewundern
einen, wenn man schreibt, weil man etwas tut, was der / die andere
selbst gern täte, wozu er / sie sich aber (noch nicht) aufraffen
konnte.

Es gibt mehrere Lösungsansätze für deine Frage:

1. Du veröffentlichst unter deinem Klarnamen, weil du mit vollem Ernst
hinter dem stehst, was du schreibst, und auch mit deinem Klarnamen als
Autor bekannt werden willst. Was du privat machst, geht deinen
Arbeitgeber nur etwas an, falls du damit in seine Belange eingreifst.
Beispiel: Du bist Arzt und arbeitest an einem Krankenhaus. Du
schreibst einen Krimi, der in diesem Krankenhaus spielt und andere
Ärzte, Schwestern, die Verwaltung und die Patienten in Misskredit
bringt. Damit würdest du Informationen rausgeben, die du vertraglich
gesehen eventuell gar nicht rausgeben dürftest. Oder du würdest üble
Nachrede oder Rufschädigung betreiben. Dann kann dein Arbeitgeber vom
Verlag verlangen, dieses Buch einzustampfen oder in Teilen zu
schwärzen und dich ggf. entlassen. (Auch falls du ein Pseudonym
nutzt.)

2. Du veröffentlichst unter deinem Klarnamen Fantasy, die nichts mit
der Realität deines Arbeitsplatzes oder Arbeitgebers zu tun hat. Dein
Arbeitgeber hat keine Handhabe, das zu verhindern oder als ehrenrührig
zu beurteilen. Ob Kollegen oder Vorgesetzte dein Buch lesen und nicht
mögen oder gänzlich anderer Ansicht sind -, darauf hast du keinerlei
Einfluss. Damit muss man leben. Es ist so, als ob ein Mitarbeiter
"moralisch verurteilt" würde, der Soap-Operas im Fernsehen sieht oder
Schnulzenfilme kauft. Dazu steht man, oder man wählt Option 3:

3. Du veröffentlichst unter Pseudonym. Das heißt, du suchst dir einen
Kunstnamen, unter dem das Buch erscheint. (Ich male beispielsweise
unter einem Label, weil mein Klarname schon mit dem Tempest und
Fantasy verknüpft ist.) Du denkst dir zu dem Pseudonym eine Vita, ein
fiktives Leben aus - und schon bringt niemand dich mit dem Buch in
Verbindung außer den Verlagsmitarbeitern. Oder außer du löst das
Pseudonym selbst auf.

4. Du veröffentlichst überhaupt nicht, sondern verteilst dein
Manuskript als Publishing on Demand oder in Eigenregie nur an Leute,
die du aussuchst. Sozusagen eine "Vereinsveröffentlichung", weil es
nur Mitglieder eines Vereins (die du bestimmst) erhalten.

Es gibt einen Aufsatz von Claudia Luz: "Ich brauche ein Pseudonym", S.
650-655, in: Uschtrin, S. (Hrsg.): Handbuch für Autorinnen und
Autoren, 8. Aufl. 2015:
https://www.uschtrin.de/produkte/weiteres/handbuch

Ansonsten steh zu dem, was du schreibst!

                 **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Stefanie Bense, lebt und arbeitet in Hannover und Emden. Sie schreibt
an ihrem fünften Roman.


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Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen
und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, der mit
getrennter Mail kommt
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