The Tempest

Ausgabe 28-07 (20. Juli 2026)

   Editorial
   Hall of Fame 
   Neues aus der Buchszene 
   Praxistipp
     „Wie repariert man eine Szene?
     von Jurenka Jurl
   Schreibkurs
     „Subtext reparieren: Wenn Figuren zu direkt sprechen“
     von Monika Schubert
   Autorenwissen
     „Neurologie und Geschichten“
     von Hans Peter Roentgen
    Impressum



EDITORIAL

Liebe Autor*innen,

Dialoge sind ganz schön anspruchsvoll. Sie sollen nicht einfach nur Informationen vermitteln, sondern auch Gefühle, Konflikte, Beziehungen zwischen Figuren. Und das Wichtigste wird meist gar nicht ausgesprochen ... Wie man den Subtext im Dialog meistern kann, zeigt Monika Schubert diesmal im Schreibkurs.

Die spannende Serie von Hans Peter Roentgen zu Neurologie und Schreiben geht mit dem Beitrag in diesem Tempest zu Ende. Wie uns Geschichten beeinflussen, welche Rolle Hormone und Spiegelneurone spielen - das könnt ihr hier nachlesen.

Schnelle Hilfe, wenn eine Szene nicht funktioniert, bietet Jurkenka Jurk im Praxistipp. Und was es im Netz Neues für uns Autor*innen gibt, hat Ramona Roth-Berghofer herausgefunden.

Zitat des Monats, diesmal von Johnny Rich:

A thrilling story can be dull if told badly, but even the most mundane event can be elevated into a tale of epic scale by a good storyteller.

Viel Spaß mit diesem abwechslungsreichen Tempest voller Aha-Erlebnisse! 

   Gabi Neumayer
   Chefredakteurin
~~~~~~~~~~~

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Und wer nicht überweisen möchte, kann uns den Beitrag auch weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des Tempest).


ISSN 1439-4669 Copyright 2026 autorenforum.de. Copyright- und Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe


INHALT DIESER AUSGABE

TEIL 1

   Editorial
   Hall of Fame 
   Neues aus der Buchszene 
   Praxistipp
     „Wie repariert man eine Szene?
     von Jurenka Jurl
   Schreibkurs
     „Subtext reparieren: Wenn Figuren zu direkt sprechen“
     von Monika Schubert
   Autorenwissen
     „Neurologie und Geschichten“
     von Hans Peter Roentgen
    Impressum

TEIL 2 (in separater E-Mail, falls ebenfalls abonniert)

   Veranstaltungen
   Ausschreibungen
   Publikationsmöglichkeiten
     mit Honorar
     ohne Honorar
   Seminare
   Messekalender

 


HALL OF FAME (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)


Die „Hall of Fame“ zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest. Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst - dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen können.

Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!) nach diesem Schema:

.......

AutorIn: „Titel“, Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen weitere Infos zu eurem Buch unterbringen, zum Beispiel eine Homepage-Adresse.

.......

Ein Beispiel (!):

Johanna Ernst: „Der Fall der falschen Meldung“, Hüstel Verlag 2015, Mystery-Thriller. Dann noch 60 Zeichen - und keins mehr! Inklusive Homepage!

.......

Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.

ACHTUNG!

Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen muss, Lektorat bezahlt o. Ä.

Schickt eure Texte unter dem Betreff „Hall of Fame“ an dDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..

Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten. Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall ist, werden nicht mehr verschickt!

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NEUES AUS DER BUCHSZENE (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)


Wir leben in turbulenten Zeiten, die Buchbranche ist in Bewegung wie nie zuvor. Ob es nun um KI geht, die zunehmende Digitalisierung des Marktes oder all die neuen Chancen und Möglichkeiten, die sich Verlagsautoren und professionellen Selfpublishern bieten: Eine Nachricht jagt die nächste. Damit ihr den Überblick behaltet und nichts Wichtiges verpasst, fassen wir hier alle interessanten Links zusammen, die uns jeden Monat ins Auge fallen - natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

 


Verlage / Buchmarkt / Buchhandel


Hugendubels Bookstock-Festival geht in die nächste Runde.

Thalia investiert in den Standort Hamburg.

Buchmarkt 2025: Fehlende Umsätze durch Schwund der Buchkäufer:innen.


Podcast / Interview


Podcast: Wie steht es um den Buchmarkt?


Literaturszene / Politik


Verband deutscher Schriftsteller:innen: „Ein Gefühl der Überwachung in der Literaturszene.“

Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb - Teil 2: Sechs Gründe für den Ausstieg.

Herantasten im Kino: Der Bachmann-Film „Jemand, der einmal ich war“.


Auszeichnungen / Preise


Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur: Sechs Nominierte für den Korbinian.

Christine Wunnicke: Büchner-Preis an eine, die nicht gern im Rampenlicht steht.

Bachmannpreis 2026 geht an Lena Schätte.


 KI


IG Digital: Nutzung künstlicher Intelligenz in Verlagen.

 


PRAXISTIPP (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)


Kurz und knackig: Hier findet ihr Tipps aus jedem Bereich des Schreibens und Veröffentlichens. Teilt eure eigenen Tipps doch auch mit unseren Leser*innen!


„Wie repariert man eine Szene?“

 von Jurenka Jurk

Du hängst fest, weil diese verflixte Szene einfach nicht funktioniert? Schreib nicht weiter, sondern prüfe die Szene mit diesen drei Fragen:

1. Was will die Figur?
2. Was steht ihr im Weg?
3. Was hat sich am Ende verändert?

Fehlt einer dieser Punkte, wirkt die Szene flach und bremst sie aus. Ergänze keine Erklärungen, sondern Handlung. Lass die Figur entscheiden, scheitern oder einen Preis zahlen. Veränderung muss nicht laut sein, ein neuer Gedanke reicht oft aus. Dein Text zeigt dir sehr genau, wo er nachgeschärft werden will. Wer Ziel, Konflikt und Veränderung routiniert prüft, schreibt klarer und kommt schneller voran.

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Der Tipp stammt aus dem Buch „Bestseller schreiben wie Fitzek, Link, Adler-Olsen u. v. m.“, romanschule.de/temp-buch

 


SCHREIBKURS (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)


„Subtext reparieren: Wenn Figuren zu direkt sprechen“

von Monika Schubert

Spürst du auch, dass einigen deiner Dialoge die Tiefe fehlt? Sie plätschern dahin oder bauen keine Spannung auf. Du kannst sie nicht einfach streichen, aber so lassen willst du sie auch nicht.

Das ist völlig normal. Die meisten Autoren gehen bei der Überarbeitung in einem extra Schritt darüber und polieren sie auf Hochglanz. Aber wie geht das eigentlich?

Nimm einen Dialog, und frage dich:
- Worum geht es wirklich (Konflikt)?
- Wie stehen die Figuren zueinander?
- Gibt es ein Machtgefälle?
- Wer will was erreichen?
- Was wird verschwiegen?
- Was erfahren die Lesenden Neues?

Vor allem, wenn du die letzte Frage nicht beantworten kannst, ist der Dialog überflüssig. Liefert er keine neuen Informationen, streiche ihn raus. Ja, das tut erst mal weh. Aber sonst besteht die Gefahr, dass er dich am Ende Lesende kostet, die das Buch hier gelangweilt zumachen und nie wieder aufklappen.

Hast du Antworten gefunden, dann hast du damit den Kern des Dialogs identifiziert, den deine Lesenden verstehen sollen.

Aber sie lieben es, selbst Schlüsse zu ziehen. Also verstecke ihn zumindest teilweise im Subtext.

Was genau ist der Subtext?

Das ist die unausgesprochene Bedeutung hinter den Worten. Aus der Diskrepanz zwischen dem Gesagten und dem Nichtausgesprochenem entsteht Dynamik. Lesende werden gefordert, nicht nur den Text aufzunehmen, sondern den emotionalen Gehalt einer Szene oder eines Dialogs zu entschlüsseln. Das weckt Neugierde und sorgt für ein vielschichtiges Leseerlebnis.

Ein berühmtes Beispiel findet sich in der ersten Sherlock-Holmes-Geschichte. Als Watson erfährt, dass Holmes einen Mitbewohner sucht, reagiert sein Gesprächspartner auffällig zurückhaltend:

„Der junge Stamford schaute mich über seinem Weinglas sonderbar an.
‚Du kennst Sherlock Holmes noch nicht‘, sagte er, ‚vielleicht liegt dir gar nichts an ihm als Dauergefährten.‘
‚Oh! Was ist gegen ihn einzuwenden?‘
‚Ich sagte nicht, es sei etwas gegen ihn einzuwenden. …‘“
(Sir Arthur Conan Doyle (1980): „Eine Sudie in Scharlachrot“, XENOS Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg)

Natürlich gibt es Gründe für seine Warnung. Doch gerade weil Stamford sie nicht ausspricht, entsteht Neugier. Der Subtext verrät mehr über Holmes als eine direkte Erklärung.

Wie sagt man das, was nicht gesagt wird?

In vielen Fällen entspricht das, was Menschen sagen, nicht dem, was sie denken oder fühlen.
Subtext entsteht durch Ironie, Ausweichen, Verschweigen oder Verharmlosen. Lass deine Figuren auf Fragen nicht direkt antworten, das Thema wechseln, Nebensächliches betonen. Auch Schweigen, Gestik und Handlungen können dem Gesagten eine zweite Bedeutungsebene verleihen.

Zu Beginn der Geschichte „Ein ganzes halbes Jahr“ gibt die Protagonistin Lou ihrem Großvater ein Glas Wasser. Ihre Mutter kommt herein, und sie unterhalten sich. Dann sagt die Mutter: „Daddy, möchtest du einen Tee? Hat Lou dir keinen angeboten?“ (Jojo Moyes: „Ein ganzes halbes Jahr“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg)

Die Mutter unterstellt ihrer Tochter mangelnde Fürsorge. Die Szene zeigt jedoch das Gegenteil!

Das Ungesagte kann auf Konflikte, Ängste, Wünsche oder Machtverhältnisse hinweisen. Oft verrät es mehr über eine Figur als ihre Worte.

Lege einen Kontrast zwischen das Gesagte und die Handlung. Verbirg die Emotionen. Das bindet deine Lesenden aktiv ein.

Praxisbeispiel: Rohfassung

Nele und Manuela hatten sich seit Jahren nicht gesehen. Nun schlenderten sie an der Flusspromenade entlang.
„Im Gegensatz zu dir wohne ich ja hier, in der Großstadt.“ Nele wies auf die Silhouette am anderen Ufer. „Wo geht ihr denn so hin, wenn ihr was unternehmen wollt? Oder geht ihr, auf dem Land, überhaupt nicht mehr aus?“
„Oh, aber natürlich“, antwortete Manuela, „allerdings nicht mehr so oft wie früher. Von der Kleinstadt aus, wo wir wohnen, müssen wir natürlich meistens fahren. Bei uns findet halt nicht so viel Spektakuläres statt. Aber in einer halben Stunde sind wir auch hier bei den ganzen Museen, Theatern und Clubs.“
„Na ja, wir bleiben meist auch in unserem Stadtviertel und kommen kaum raus.“

Dieser Dialog wirkt platt und langweilig. Das Problem ist, dass beide Figuren ihre Gedanken offen aussprechen. Dadurch bleibt wenig Raum für die Lesesenden. Wie kann man diesen Dialog verbessern?

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Antworten zu den Analysefragen (siehe oben).
- Es geht um Status und Selbstbild.
- Die Figuren kennen sich lange, sind sich aber entfremdet.
- Nele versucht die überlegene Position einzunehmen.
- Nele sucht Bestätigung, Manuela verteidigt sich.
- Beide verschweigen ihre eigentlichen Gefühle.
- Die Lesenden erfahren etwas über ihre Beziehung und ihre Einstellungen.

Schauen wir uns nun an, wie sich dieser Dialog überarbeiten lässt. Dabei wird die sachliche Oberfläche beibehalten, der eigentliche Konflikt wandert jedoch stärker zwischen die Zeilen.

1. Nele spricht ihr Vorurteil praktisch direkt aus: „Oder geht ihr, auf dem Land, überhaupt nicht mehr aus?“

Stattdessen könnte die Figur scheinbar neugierig bleiben und ihr Vorurteil hinter einer höflichen Frage verstecken: „Und was macht ihr abends so? Ich frage mich immer, wie das außerhalb der Städte läuft.“ Oder: „Muss man sich da nicht ziemlich gut organisieren, wenn man spontan etwas unternehmen möchte?“

2. Manuela verteidigt sich zu ausführlich: „Oh, aber natürlich, allerdings nicht mehr so oft wie früher.“

Menschen reagieren auf kleine Kränkungen aber oft indirekter: „Ach, uns fällt eigentlich immer etwas ein.“ Oder: „Langweilig wird uns jedenfalls nicht.“

3. Beide Figuren reden zu stark über Fakten (Museen, Theater, Fahrzeiten, Stadtviertel). Das Gespräch bewegt sich auf der Informationsebene. Subtext entsteht eher auf der Beziehungsebene.

Manuela: „Eine halbe Stunde ist für uns nichts Besonderes.“
Nele: „Für manche hier wahrscheinlich schon.“

Praxisbeispiel: überarbeitet (mit Kommentaren)

Nele und Manuela hatten sich seit Jahren nicht gesehen. Nun schlenderten sie an der Flusspromenade entlang.
„Und was macht ihr bei euch eigentlich abends?“, fragte Nele. „Wenn man nicht gerade Lust hat, eine halbe Stunde irgendwohin zu fahren.“
„Kommt darauf an.“ [Frage nicht direkt beantwortet]
„Das klingt nach: nicht besonders viel.“ [Andeutung einer Wertung]
„Komisch“, sagte Manuela lächelnd. „Mir war bisher nie langweilig.“ [Höflichkeit als Angriff]
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
„Nein?“
„Nein.“
Einen Moment gingen sie schweigend nebeneinanderher. [Schweigen verrät Anspannung]
„Wir nutzen das hier wahrscheinlich auch viel zu wenig“, sagte Nele schließlich und deutete auf die Cafés entlang des Ufers.
„Das dachte ich mir schon.“ [Indirekter Gegenangriff]

Der überarbeitete Dialog enthält denselben Konflikt, doch er findet stärker unter der Oberfläche statt. Dadurch entsteht mehr Spannung zwischen den Zeilen.

Hier kannst du die Stärke von Subtext erkennen: Er schafft Raum für eigene Schlussfolgerungen. Lesende entziffern nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was dahintersteckt. So gewinnen Dialoge an Tiefe, Spannung und Glaubwürdigkeit, selbst dann, wenn scheinbar nur über Alltägliches gesprochen wird.

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Monika Schubert lebt zwischen Schreibcafé, Fantasywelten und Vorlesestunden in der KiTa. Als Schreib-Coach im Team der Romanschule kennt sie die Herausforderungen des Schreibens aus Theorie und Praxis. Neben Kindergeschichten arbeitet sie aktuell an einem Fantasyroman. Mehrere ihrer Kurzgeschichten wurden in Anthologien veröffentlicht.


AUTORENWISSEN (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)


„Neurologie und Geschichten‟

 von Hans Peter Roentgen

Was im Gehirn beim Lesen geschieht, habe ich Ihnen schon erzählt. Doch was passiert, wenn jemand Geschichten schreibt oder erzählt? Viele spannende Sachen geschehen da, darum geht es heute. Obendrein erfahren Sie, was Sie versäumen, wenn Sie KI schreiben lassen, statt selbst zu schreiben.

Ruhehirn, Intuition, Kontrollzentrum und Flow-Zustand

Das Ruhezustandnetzwerk (Default Mode Net, DMN) ist für Tagträume und kreative Ideen zuständig. Es verbindet weit entfernte Ideen und sorgt dafür, dass wir Ideen für Geschichten entwickeln. Die erste Version sollte man damit schreiben und den inneren Kritiker ins Caféhaus schicken. Der heißt in der Neurologie „exekutives Kontrollzentrum‟, und er bewertet Ideen, prüft sie.

Jeder Schreibcoach, jede Lektorin weiß: Erst mal Ideen sammeln, dann erst den inneren Kritiker zu Wort kommen lassen. Und die Neurologen wissen, warum: Wenn sich Ruhenetzwerk und Kontrollnetzwerk in die Quere kommen, behindern sie sich. In der Fachsprache von Autorinnen und Autoren: Man kriegt eine Schreibblockade.

Embodied Cognition – das Gehirn erlebt die Szene

Unser Gehirn ist ein Wunder.

Die Autorin sitzt still vor der Tastatur. Nichts deutet auf Aktivitäten hin. Aber das Hirn ist hochaktiv, Sprachzentren gießen Worte in grammatikalisch korrekte Sätze, das visuelle Zentrum lässt die Szene bildlich im Hirn entstehen, und die Autorin erlebt sie genau so, als stünde sie mitten in den Ereignissen. Wenn sie den Geruch von frisch gebrühtem Kaffee beschreibt, schaltet sich das Riechhirn ein und lässt sie den Duft erleben – auch wenn nur kalter Kaffee von vorgestern auf dem Schreibtisch steht. Und sobald eine Verfolgungsjagd startet, schaltet sich der motorische Kortex ein, der auch ohne Verfolgungsjagd nicht schläft, sondern Finger und Tipparbeit koordiniert. Ganz schön viele Aktivitäten, finden Sie nicht?

Theory of mind – das Verstehen fiktiver Personen

Ich empfehle bei Workshops immer, sich in ihre Personen hineinzuversetzen. Doch geht das überhaupt? Und wie schafft das Gehirn das?

Hirnuntersuchungen von Neurowissenschaftlern haben das geklärt. Es funktioniert genauso, als wenn lebendige Personen vor uns stehen würden. Das Hirn fühlt mit den Personen in der Geschichte mit wie mit echten Menschen in unserer Umgebung. Das Spiegelneuronennetzwerk und das Netzwerk für die Theory of Mind schaffen das.

Hormone passen sich an

Man könnte meinen, das lastet das Hirn bereits komplett aus. Aber es hat noch Kraft für weitere Aktionen. Nämlich für einen „angel’s cocktail‟ (Engels-Cocktail).

Je nachdem, welche Szene wir gerade schreiben, schüttet das Hirn die dazu passenden Hormone aus. Egal ob Stresshormone wie Dopamin (bei Gefahr), Oxycodon, das Kuschelhormon, bei Beziehungen oder andere: Das Hirn weiß, wie es uns beim Schreiben richtig einstellt. Das lässt sich an den Blutwerten ablesen.

Je mehr Erfahrung wir mit dem Schreiben haben, desto besser funktioniert das alles. Und desto mehr Gehirnareale kann unser Hirn zu Hilfe rufen und einschalten. Wie heißt es so schön: Übung macht den Meister. Neurowissenschaftlerinnen wissen, warum.

Was Geschichten alles bewirken

- Informationen werden besser behalten

Geschichten sorgen für narrativen Transport. Den Inhalt behalten wir um ein Vielfaches besser als nüchterne Sachtexte. Kein Wunder, wenn wir uns klarmachen, was bei Geschichten schreiben alles im Kopf losgeht.

- Geschichten trainieren das Hirn

Ich hatte schon geschrieben: Je mehr wir erzählen, desto aktiver wird das Hirn, es schaltet immer weitere Hirnareale ein. Erzählen ist für den Geist das, was das Fitnessstudio für die Muskeln ist. Wir trainieren unseren Geist.

- Lesungen synchronisieren das Hirn

Und was passiert, wenn wir Geschichten vorlesen? Nun, auch dann bleibt das Hirn nicht untätig. Kann die Vorlesende ihre Zuhörer fesseln, dann synchronisieren sich die Gehirne. Auch das Riechhirn der Zuhörer riecht den aromatischen Kaffee, den die Lesende gerade schildert. Und auch die Hormone spielen bei den Zuhörern mit. Gute Geschichten spiegeln die Hirnaktivitäten von Erzählern und Zuhörern.

Taxifahrer und Alzheimer

Etwas Ähnliches gibt es bei Taxifahrern und Sanitätsfahrern. Mit wachsender Erfahrung spielen immer mehr Hirnareale mit, um die Orientierung zu erleichtern. Und wissen Sie was? Vertreterinnen dieser beiden Berufe entwickeln sehr viel weniger Alzheimer als andere Menschen. Ihr Hirn ist trainiert und kann etwaige Blockaden durch andere Areale ersetzen. Meines Wissens gibt es keine vergleichbare Untersuchung für Autorinnen und Autoren, aber ich bin mir sicher: Bei ihnen funktioniert das auch.

KI und Geschichten schreiben

Wollen Sie Ihre Geschichten von KI schreiben lassen? Ich hoffe, nachdem Sie das hier gelesen haben, schreiben Sie sie lieber selbst. Um all die tollen Dinge im Hirn stattfinden zu lassen, die ich oben beschrieben habe. Hatte ich schon das mit Dr. Alzheimer gesagt?

KI ist toll als Hilfsmittel, als Sparringspartner. Aber KI kann den Kaffeeduft nicht riechen, nicht in der Verfolgungsjagd mitrennen, sich weder verlieben noch Liebeskummer erleben. Sie kann es nur lesen. Fast tut mir die arme KI leid, der all das Menschliche entgeht.

Sie sollten auf jeden Fall Ihr Menschsein nutzen und Ihre Geschichten selbst schreiben. Ach ja, das gilt auch für Autos. Wer jede kleine Strecke mit dem Auto fährt, öffnet dem Herzinfarkt Tür und Tor - genauso wie der, der nur noch KI zum Denken und Schreiben benutzt, Herrn Alzheimer die Tore weit öffnet.

Literatur


Default Mode Net exekutives Netzwerk:
https://de.wikipedia.org/wiki/Default_Mode_Network https://talentum-hamburg.de/gehirnnetzwerke-im-fokus-default-mode-network-salienznetzwerk-und-das-zentrale-exekutive-netzwerk-was-sie-sind-und-wie-sie-unser-denken-steuern/

Embodied Cognition
https://de.wikipedia.org/wiki/Embodied_Cognition

Theory of Mind
https://www.youtube.com/watch?v=gFE1GlNKoLI

Angel's Cocktail
https://www.youtube.com/shorts/gokH0MEoyW0

Spiegelneuronen
https://www.spektrum.de/news/was-steckt-wirklich-hinter-den-spiegelneuronen/1991029


Alzheimer bei Taxifahrern und Rettungskräften
https://www.aerzteblatt.de/news/taxifahrer-sterben-seltener-am-morbus-alzheimer-da7c5b3e-0483-446e-81bb-7624c44da506

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Hans Peter Roentgen ist Autor der Bücher „Vier Seiten für ein Halleluja“ über Romananfänge, „Drei Seiten für ein Exposé“, „Schreiben ist nichts für Feiglinge“ und „Klappentext, Pitch und weiteres Getier“. Außerdem hält er Schreibkurse und lektoriert.     


UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN


Bitte schickt den Expert*innen nur Fragen zu ihrem Expertenthema - keine Manuskripte zur Beurteilung. Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber gelöscht wird.

Fragen (anonymisiert) und Antworten werden in der Regel hier im Tempest veröffentlicht, damit auch andere Autor*innen davon lernen können. Wer das aber nicht möchte, schreibt das bitte ausdrücklich dazu.

Drehbuch Oliver Pautsch Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Fantasy Stefanie Bense Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Heftroman Arndt Ellmer Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Historischer Roman Titus Müller Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Kinder- und Jugendbuch Sylvia Englert Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Kriminalistik Kajo Lang Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Lyrik Martina Weber Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Marketing Maike Frie Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Sachbuch Gabi Neumayer Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Schreibaus- und -fortbildung Uli Rothfuss Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Schreibhandwerk Ute Hacker Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Science-Fiction Andreas Eschbach Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, den ihr separat abonnieren müsst.


Einsendeformalien
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 IMPRESSUM


Herausgeber*innen
Gabi Neumayer (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)
Ramona Roth-Berghofer (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)
Stefan Schulz (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)
Thomas Roth-Berghofer (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)
Susanne Schloßmacher (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)


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Ausgabe 28-08 (vom 20. August 2026)

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